Mit einem wunderbaren Drama über eine Mutter-Tochter-Beziehung kehrt Pedro Almodovar zu bekannter Stärke zurück.
Nachdem Pedro Almodovar mit "Fliegende Liebende" eine Auszeit bei seinem Hausfestival nahm, war der 66-jährige Spanier dieses Jahr erstmals seit seinem exquisiten "Die Haut, in der ich lebe" vor fünf Jahren wieder an der Croisette präsent. Ein schöner Film ist "Julieta" geworden, der in seinem Heimatland bereits im April regulär im Kino angelaufen war: eine ernste, zurückgenommen, gewohnt geschmackvoll designte Reflektion einer Frau in ihren Fünfzigern, die eine nie geheilte Wunde in ihrem Leben immer geheim gehalten hat und nun ihre Geschichte Revue passieren lässt. Basierend auf drei Kurzgeschichten von Alice Munro, löst ein zufälliges Treffen mit einer Freundin ihrer mittlerweile erwachsenen Tochter das Bedürfnis in Julieta aus, sich endlich mit der eigenen schmerzhaften Vergangenheit auseinanderzusetzen, die sie vor sich selbst verborgen hält: Zu tief sind die Wunden, die damals geschlagen wurden, als dass sie jemals hätten geschlossen werden können. In einer langen Rückblende wird von Julietas Liebe zu einem attraktiven Fischer erzählt, dessen Frau nach langer Krankheit im Sterben liegt, von seinem Unfalltod auf offener See in einem Unwetter nach einem Streit, von ihrer gemeinsamen Tochter, die sich von der Mutter lossagt, weil sie ihr die Schuld am Tod des geliebten Vaters gibt - und die alle Brücken zu ihr abbricht, sodass Julieta mehr als 30 Jahre nichts über ihren Verbleib weiß. Die Extravaganz der frühen Almodovars weicht hier einer simplen Eleganz in der Erzählung. Die Musik legt mit ihrer aufbauenden Spannung nahe, dass hier noch eine Überraschung wartet, eine Finte, ein Haken. Die Überraschung ist dann aber die ökonomische Geradlinigkeit der Erzählung, das Bedürfnis um Klarheit und Mangel an Ballast. Natürlich findet Almodovar immer noch Raum, sich vor unterschiedlichster Kunst zu verbeugen, die ihm gefällt und die ihn inspiriert, aber sonst geht es nur um die Titelheldin und die beiden Darstellerinnen, die sie in verschiedenen Altersstufen darstellen: Adriana Ugarte und die Medem-Muse Emma Suárez. Und um den unvorstellbaren Schmerz, mit dem die Heldin in ihrem Leben kämpfen musste. Der Schluss liefert keine Heilung, aber stellt zumindest Linderung in Aussicht. ts.