Auch mit seinem ersten Thriller über einen ungewöhnlichen Gefängnisausbruch bleibt Oscarpreisträger Paul Haggis dem auf Charaktere fokussierten Qualitätskino treu.
Unspektakulärer als Beatrice Dalle, die 1992 in "Flucht durch die Wolken" ihren Freund aus dem Knast flog, schmiedet Russell Crowe den Befreiungsplan für seine Liebe - und doch ist das Ergebnis intensiver und berührender. Aus Frankreich kommt auch die Vorlage für das erste Remake von Paul Haggis, das spannende, hierzulande nur auf DVD veröffentlichte Kriminaldrama "Ohne Schuld". In Rückblicken, die drei Jahre, Monate und schließlich Tage zurückführen, erzählt Haggis nach eigenem, sich eng an der Vorlage orientierendem Drehbuch die Geschichte einer Kleinfamilie, die aus ihrem Glück gerissen wird.
Als Lara Brennan (Elizabeth Banks) wegen Mordes verhaftet und verurteilt wird, beginnt für sie, ihren Mann John und den gemeinsamen Sohn eine mehrjährige Leidenszeit. Was ihr vorgeworfen wird, reicht Haggis in Blitzbildern nach, um sich dann völlig aus dem Mordfall auszuklinken und sich auf dessen Konsequenzen zu konzentrieren. Jahrelang kämpft der sanfte Lehrer um die Rehabilitierung seiner Frau, doch als alle rechtlichen Mittel erschöpft sind und seine Frau nur noch im Selbstmord eine Fluchtmöglichkeit sieht, schlägt Brennan einen neuen Kurs ein. Von einem Ausbrecherkönig (Liam Neeson in einer Gastrolle) über die wichtigsten Verhaltensregeln instruiert, plant er fortan ihre Befreiung, die er im Alleingang durchführen will.
Haggis nimmt sich Zeit, die Auswirkungen einer solchen Tragödie auf Familiendynamik und Beziehung zu beobachten, zeigt mit Olivia Wildes junger alleinstehender Mutterfigur geschickt eine alternative Lebensoption auf, der sich Crowe aber konsequent verweigert. Sein Familienvater ist kein Held, sondern ein Mann, der sich plötzlich in einem mörderischen Milieu bewegen muss, um seine Familie wieder zusammenzuführen. Dass es in Vorbereitung und Ausführung seines Plans Fehlschläge gibt und er in einem schmerzlichen Lernprozess alle Grenzen überschreiten muss, spiegelt Haggis' realistischen Ansatz. Für den Fall interessiert sich der Film nur am Rande, für die betroffenen Figuren, zu denen auch Crowes Eltern zählen, dagegen sehr wohl. Wie schon in "Der Fluch der zwei Schwestern" befreit sich Elizabeth Banks von ihrem Image als quirlige Komödiantin - in der wohl besten dramatischen Leistung ihrer Karriere. Sie und der gewohnt überzeugende, zurückhaltend agierende Crowe sind ein glaubwürdiges Paar in einem Familien- und Liebesdrama, das sich in der zweiten Stunde zum Thriller mit unwiderstehlichem Spannungssog entwickelt und dabei bei eigentlich vertrauten Reaktionsmustern nicht nur die Flüchtenden, sondern auch ihren Verfolger, einen aufmerksamen Cop, smart aussehen lässt. Das ist Klasse, die es verdient hat, Kasse zu machen. kob.