Liebevoll erzählte Serie um einen melancholischen Chefarzt einer kleinen Klinik in der Uckermark.
Mehr noch als im Krimi gibt es in medizinischen Dramen viel Erklärungsbedarf, schließlich haben die Patienten in der Regel nicht bloß einen grippalen Effekt. Umso angenehmer ist es, wenn dann an anderer Stelle nur wenig Worte gemacht werden. Oder, wie in diesem Fall, gar keine: Ein Mann fährt mit seinem Trabant eine Landallee entlang, stellt seinen Wagen ab und beginnt ein Gespräch mit einer attraktiven Frau in einem auffälligen roten Kleid. Dass sie wie aus dem Nichts aufgetaucht ist, lässt erahnen, was am Ende des Prologs durch eine schlichte Plakette an einem Baum bestätigt wird. Neben seiner Trauer wird Amin Ballouz (Merab Ninidze), die Titelfigur dieser sechsteiligen ZDF-Serie, auch mit der ersten Patientin nach seiner Auszeit konfrontiert: Auf der Allee ist eine hochschwangere Radfahrerin angefahren worden. Der Doktor begleitet sie in die nahegelegene Uckermark-Klinik.
Wie im Krimi geht es auch in Krankenhaus- und Arztserien um Leben und Tod, aber in den meisten Fällen gewinnt das Leben; das dürfte die Beliebtheit des Genres erklären. Gegenspieler der Hauptfiguren sind nicht irgendwelche Schurken, sondern Krankheiten; das Böse, das in den Menschen lauert, hat nichts mit ihrem Charakter zu tun. Trotzdem müssen die Ärztinnen und Ärzte detektivisch vorgehen, weil äußerliche Symptome nicht immer eindeutige Rückschlüsse auf die eigentliche Ursache zulassen. In den meisten Fällen wissen Chefarzt Ballouz und seine Kollegin Barbara Forster (Julia Richter) Rat, zumal beide ausschließlich für ihren Beruf leben. Der Arzt erfüllt sogar höchstpersönlich den letzten Wunsch eines alten Mannes, der sich von seiner Katze verabschieden will. Kein Wunder, dass "Doktor Ballouz" mitunter märchenhaft wirkt: Die Klinik liegt inmitten einer verträumten Landschaft zwischen Bäumen an einem See. Damit die idyllische Szenerie nicht komplett unrealistisch anmutet, gibt es zwischendurch auch aussichtslose Fälle; Barbara verliebt sich ausgerechnet in einen sterbenden Feuerwehrmann. Ähnlich schmerzlich schön sind die Zwiegespräche, die Ballouz mit seiner verstorbenen Frau (Clelia Sarto) führt.
Die medizinischen Herausforderungen sind der Motor der Handlung, aber was "Doktor Ballouz" neben dem angenehm unaufgeregten Tonfall sehenswert macht, sind die Hauptfigur und ihr Darsteller. Wer immer auch die Idee hatte, die Serie dem gebürtigen Georgier Merab Ninidze anzuvertrauen, hat eine vortreffliche Wahl getroffen. Er verleiht Ballouz eine melancholische Würde, die den Arzt umgehend sympathisch macht; ganz zu schweigen von Szenen wie jener, als er sich ganz selbstverständlich mit seinem Schokoladekuchen unter einen Tisch setzt, um das Vertrauen eines kleinen Mädchens zu gewinnen. Später wird er eine Röntgenaufnahme vom Kuschelhasen des Kindes machen; dank einer verblüffenden Idee zeigt das Bild tatsächlich einen Knochenbruch.
Dass der Chefarzt nicht nur Idealist und Philanthrop, sondern auch eine medizinische Koryphäe ist, versteht sich von selbst. Allerdings war die Klinik wohl auch schon vor dem Tod seiner Frau der Mittelpunkt seines Lebens, wie eine eheliche Anekdote verdeutlicht. Schon allein die Beiläufigkeit, mit der Buch und Regie Informationen wie diese einstreuen, ist eine Freude. Den Regisseuren Andreas Menck und Philipp Osthus gebührt zudem große Anerkennung für ihre Arbeit mit dem Ensemble. Auch die jungen Mitwirkenden machen ihre Sache ausgezeichnet; sogar die Katze scheint sich den Anweisungen gefügt zu haben. Ihre anfangs eher distanzierte Beziehung zu Ballouz ist das einzige horizontale Element in dieser Serie, deren Trost spendende und Mut machende Geschichten (Buch: Conni Lubek als Kopf eines Autorinnenteams) ansonsten in sich abgeschlossen sind. tpg.