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Gedankenreisen mit Felicitas Hoppe
Mirjan S. - Bewertet am 08.05.2026
Zustand: Exzellent
„Reisen“ von Felicitas Hoppe ist im Hanser Verlag erschienen und Teil der wunderschönen „Leben“-Reihe, die allein optisch schon jedes Bücherregal bereichert. Auf gerade einmal 128 Seiten denkt Hoppe über das Reisen nach – über Fernweh, Rastlosigkeit, Tourismus, Erinnerung und die Frage, warum… Menschen überhaupt aufbrechen.
Worum geht es?
Dabei geht es weniger um klassische Reiseberichte als vielmehr um ein essayistisches Mäandern durch Gedanken, Beobachtungen und persönliche Erfahrungen. Ausgangspunkt ist Hoppes eigene Reisebiografie, die von Frachtschiffreisen, Literatur, Sehnsucht und Bewegung geprägt ist. Oder wie es auf dem Klappentext zum Buch treffenderweise heißt: „Ein Mensch muss reisen. Mit allen Risiken und Nebenwirkungen.“
Meine Meinung
Was mir an diesem Buch besonders gefallen hat, war die sprachliche Kraft. Viele Sätze wirken fast wie kleine literarische Momentaufnahmen, die man sofort markieren möchte. Besonders hängen geblieben ist mir: „Sprache ist Macht und Erinnerung. Nicht wer fährt, sondern wer spricht, bestimmt den Fortgang der Dinge.“ (S. 83) Dieser Gedanke zieht sich unterschwellig durch das gesamte Buch und macht deutlich, dass Reisen bei Hoppe nie nur Fortbewegung ist, sondern immer auch ein Nachdenken über Perspektiven, Privilegien und Wahrnehmung.
Auch andere Passagen fand ich unglaublich stark beobachtet: „Tourismus ist ein Gesellschaftsspiel, ein Monopoly der verkauften Länder und Sitten“ (S. 31) oder „Jede Liebe, jede Reise lebt von demselben uralten Zauberwort […] Sehnsucht“ (S. 27). Gerade diese Mischung aus Ironie, Gesellschaftskritik und philosophischen Gedanken hat für mich den Reiz des Buches ausgemacht.
Gleichzeitig muss ich aber auch sagen, dass mir beim Lesen immer wieder ein klarer roter Faden gefehlt hat. Das Buch springt stark zwischen Gedanken, Erinnerungen und Beobachtungen, wodurch ich stellenweise den Zugang verloren habe. Manche Passagen wirkten auf mich eher wie lose Gedankensplitter als wie ein zusammenhängender Essay.
Hinzu kommt, dass einige Textstellen bei mir durchaus Irritation ausgelöst haben. Teilweise werden problematische Begriffe oder Formulierungen verwendet, die heute kritisch betrachtet werden müssen. Auch bestimmte Aussagen – etwa rund um psychische Gesundheit oder Suizid – empfand ich stellenweise als schwierig oder zumindest diskussionswürdig. Ich hatte dabei nicht das Gefühl, dass das Buch bewusst provozieren möchte, aber manche Formulierungen wirkten auf mich unnötig unsensibel.
Trotzdem steckt in „Reisen“ viel Klugheit. Besonders spannend fand ich die Gedanken über Tourismus als Privileg und über die Frage, ob es überhaupt noch „authentisches Reisen“ geben kann. Felicitas Hoppe beschreibt das Reisen nicht romantisch verklärt, sondern oft widersprüchlich, unbequem und voller gesellschaftlicher Schieflagen.
Fazit
„Reisen“ ist kein Buch, das man einfach konsumiert – eher eines, mit dem man sich auseinandersetzt. Sprachlich brillant, gedanklich interessant, aber für mich auch stellenweise zu sprunghaft und wenig greifbar. Für alle, die literarische Essays, Reflexionen über Fernweh und philosophische Gedankenspiele mögen. Weniger geeignet für Leser:innen, die einen klassischen Reisebericht oder einen klar strukturierten Zugang erwarten. Danke an den Hanser Verlag und netgalley.de für das digitale Rezensionsexemplar!