Nach fรผnf Jahren Abstinenz hat Volker Schlรถndorff den Chefsessel als Babelsberger Studiochef wieder mit dem Regiestuhl vertauscht. Mit "Der Unhold" kehrt Schlรถndorff auch thematisch zurรผck nach Deutschland und knรผpft vor allem an seinen grรถรten Erfolg an, den Oscar-Gewinner "Die Blechtrommel".
Das Thema Faschismus zieht sich wie ein roter Faden durch die Filme Volker Schlรถndorffs. Schon sein vielbeachtetes Regiedebรผt aus dem Jahr 1965, "Der junge Tรถrless", war eine parabelhafte Auseinandersetzung mit dem deutschen Nationalsozialismus. In der "Blechtrommel" portrรคtierte Schlรถndorff das kleinbรผrgerliche Mitlรคufertum des dritten Reiches. Zuletzt griff der Regisseur das Thema vor sechs Jahren in "Die Geschichte der Dienerin" auf. Nach Jahren im Ausland zurรผckgekehrt nach Deutschland, hat Schlรถndorff nun eine franzรถsische Sichtweise auf den deutschen Faschismus verfilmt, Michel Tourniers Bestseller-Roman "Der Erlkรถnig".
Vieles an Volker Schlรถndorffs neuem Film erinnert an "Die Blechtrommel". Und dies scheint auch so gewollt, sicher nicht zufรคllig rรผckt er schon in der ersten Sequenz einen Jungen mit Blechtrommel ins Bild. Und wie Oskar Matzerath ist auch die Hauptfigur der Buchvorlage von Schlรถndorffs neuem Werk weniger ein Mensch aus Fleisch und Blut, als vielmehr ein erzรคhltechnischer Kunstgriff, um die Geschichte des Faschismus aus einer ungewรถhnlichen Perspektive, der eines Auรenseiters, zu schildern.
Trotzdem gelingt es Schlรถndorff und vor allem Hauptdarsteller John Malkovich, aus dieser literarischen Projektionsflรคche fรผr nordische Mythen eine vollgeformte Filmfigur zu machen. Wie schon Oskar Matzerath ist Abel ein Mensch, der nicht erwachsen werden will. Der scheue und naive Mann, innerlich selbst ein Kind geblieben, sucht die Nรคhe zu Kindern. Als franzรถsischen Kriegsgefangenen verschlรคgt es ihn auf das Jagdgut des Reichsjรคgermeisters Gรถring und schlieรlich auf die Ritterburg Kaltenborn. Auf dieser Hochburg nazistischen Wahns, wo Hunderte von Jungen als Elite einer vermeintlichen Herrenrasse herangezogen werden, geht Abels Faszination fรผr Mythen und Jugend eine unheilvolle Verbindung mit der Welt der Mรถrder ein, die sich dieser Mythen bedienen. Der Kinderfreund, innerlich selbst noch der Zwรถlfjรคhrige aus dem Internat, umsorgt die Jugendlichen. Abel, der sich selbst fรผr ein mythologisches Wesen hรคlt, wird tatsรคchlich zum Fabelwesen: Als dรผsterer Reiter durchstreift er die Wรคlder und bringt immer neue Knaben in die Burg. Ein "Unhold" wie Goethes Erlkรถnig, der, sind sie nicht willig, auch Gewalt gebraucht.
Wenngleich bisweilen die symbolischen Konstruktionen die sinnliche Wirkung der Bilder รผberlagern, gelingt Schlรถndorff in seinem neuen Film insgesamt ein beeindruckender Bilderbogen. Der Regisseur, der sich in seinen Filmen wie sonst wohl nur Werner Herzog mit dem Erbe des deutschen Vorkriegsfilms auseinandergesetzt hat, ist in seinem Element. Fritz Langs "Siegfried" und Leni Riefenstahls "Triumph des Willens" werden ausgiebig zitiert. In den stรคrksten Momenten gelingen Schlรถndorff Bilder, die es an Dichte mit denen der "Blechtrommel" und des "Tรถrless" aufnehmen kรถnnen. Filme, die dem "Unhold" auch stilistisch am engsten verwandt sind. Mit einer geeigneten Vermarktung kรถnnte dieser Film, der vor seinem deutschen Kinostart im Wettbewerb der diesjรคhrigen Biennale zu sehen sein wird, auf รคhnliche Publikumsresonanz stoรen wie Schlรถndorffs letztes Werk "Homo Faber" im Jahr 1991. tn.