Überbordende Burleske um ein ungleiches Freundestrio, das der Krieg zusammengeschmiedet hat und einem geplanten Putsch auf die Spur kommt.
Wie das Leben sind auch die Regiearbeiten von David O. Russell aus Chaos geboren: Sie haben eine nervöse, hektische, unberechenbare Energie, die sie unverkennbar sein lassen und mit nichts anderem vergleichbar macht, was sonst in Hollywood oder sonstwo produziert wird. Und wohl auch ein entscheidender Grund ist, warum es Schauspieler lieben, trotz aller Härten mit dem notorisch komplizierten Filmemacher zu arbeiten, über dessen leicht entflammbares Verhalten am Filmset mehr Geschichten geschrieben wurden als über seine wenn schon nicht immer restlos gelungenen, so doch immer endlos faszinierenden Arbeiten. Jeder neue Film ein neuer Drahtseilakt, jede neue Produktion ein neues Risiko, stets so angelegt, dass das visionär konzipierte Kartenhaus mit nur einem Faux pas einstürzen kann. Wenn sich die beweglichen Teile zusammenfügen, erhält man verrückte Meisterwerke wie "Three Kings", "Silver Linings" oder "American Hustle". Wenn es nicht hinhaut, reibt man sich bei verrückten Fehltritten wie "I Heart Huckabees" oder "Joy" verwundert die Augen, wie das passieren konnte. Und doch teilen sie alle, die Hits und die Flops, eindeutig dieselbe DNA.
Die hämischen Kritiken und wenig erfreulichen Besucherzahlen aus den USA legen nahe, dass "Amsterdam", Russells neueste Extravaganz mit einem Starensemble, das seinesgleichen sucht, in die letztere Kategorie fällt. Und dann ist man überrascht, wie wunderbar der Film ist, wie ungewöhnlich und leicht, vibrierend und voller großer Ideen: Wie so wenige große Hollywoodfilme dieser Tage will dieser Film etwas, hat dieser Film etwas zu erzählen und zu zeigen, in manchen Momenten vielleicht zu viel und zugleich nicht fokussiert genug, aber doch immer so, dass es eine Freude ist, dem irren Treiben auf der Leinwand durch den labyrinthartigen Plot zu folgen, den sich ein Raymond Chandler nicht verschlungener hätte ausdenken können. Erstmals in seiner Karriere begibt sich Russell dafür in die Vergangenheit, in die Dreißigerjahre, wo er die Freundschaft seiner drei fiktiven Hauptfiguren mit einem wahren Vorfall aus der Zeit vermählt, als ein hochdekorierter Army-General Putschpläne der erstarkenden extremen Rechten aufdecken und verhindern konnte - so politisch und besorgt hat sich Russell bestenfalls noch in "Three Kings" geäußert, die Parallelen zum Amerika der Jetztzeit sind unverkennbar. Nennen wir es einfach den antifaschistischen "Der große Schlaf".
Doch der Plot ist nur das Gefäß, das dem einen Rahmen gibt, was Russell wirklich interessiert: die ungewöhnliche Freundschaft seiner von Christian Bale, John David Washington und Margot Robbie gespielten Hauptfiguren, entstanden in den Schützengräben und Lazaretten des Ersten Weltkriegs: der weiße Arzt, der schwarze Anwalt, die geniale Künstlerin, die auch die Seele des Trios ist, wenn sie das Dreieck mit ihrer Kunst zusammenschmiedet, einer Kunst, die den Schmerz mehrerer Leben auf sich vereint und in der sich Genialität und Wahnsinn die Waage halten, ähnlich wie in diesem oder den anderen Filmen Russells. Greifbar ist sie, wunderbar spürbar, die Zuneigung, die die Drei füreinander empfinden, eine Liebe, die so groß ist, dass ihr auch räumliche und zeitliche Trennung nichts anhaben kann. Leben ist Kunst, Kunst ist Leben, insistiert der Film und arrangiert alles weitere um diese Maxime: die zahllosen größeren und kleinen Gastauftritte von Zoe Saldana, Andrea Riseborough, Robert De Niro, Chris Rock, Taylor Swift, Rami Malek, Anya Taylor-Joy, Mike Myers, Michael Shannon, Matthias Schoenaerts, Alessandro Nivola und Timothy Olyphant, die sich in schwindelerregendem Tempo die Klinke in die Hand geben, ebenso wie das hinreißende Kostüm- und Szenenbild und die exquisite Kamera von Emmanuel Lubezki. Oder die fiebrige Energie, die den Burlesken eines Howard Hawks und Preston Sturges huldigt, aber gleichzeitig mit Turbobeschleuniger ins Hier und Jetzt transportiert. Man mag nicht immer genau wissen, wo in der Handlung man sich befindet, wenn die drei Freunde als unschuldige Mordverdächtige in das durchgeknallte Komplott gezogen werden, aber man will, dass es immer weiter geht. So lebendig waren die Dreißigerjahre selten. Weil Filme selten so lebendig sind.
Thomas Schultze.
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