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Die unzerstörbare Einheit des Menschengeschlecht. Oder: Das wahre Wort
Karl - Bewertet am 07.03.2015
Zustand: Sehr gut
Über dieses einmalige und eindrucksvolle Buch eine Rezension zu schreiben, erscheint mir fast unmöglich. Darum scheint es mir angebracht, dabei auf einige Autoren zu rekurieren. Insbesondere Sarah Kofman, die mit ihrem Buch "Erstickte Worte" Antelme gewissermaßen ein philosophisches Denkmal gesetzt… hat.
Zunächst muss gesagt werden, dass dieses Buch keineswegs, wie es bestimmte Rezensionen nahe legen, den Akt der Entmenschlichung beschreibt (oder doch zumindest nicht nur). Vielmehr geht es Antelme darum, zu zeigen, dass das Menschsein auch in den Lagern von der SS, gegen deren Intention, nicht zerstört werden konnte. Was in "Das Menschengeschlecht" bewahrt und freigelegt wird, ist, um es mit Kant zu sagen, die reine Form des Menschlichen. Die pure, von jeder gängigen Einteilung unabhängige Zugehörigkeit zur menschlichen Gattung. Die beziehungsloses Beziehung, wie Blanchot/ Kofman es nennen, in der es nicht auf den jeweiligen Inhalt, Eigenschaften, das jeweilige Sosein ankommt, sondern die reine Form der Zugehörigkeit, in der man im Anderen, in seinem ganz anders sein, dennoch die gemeinsame Einheit, die unzerstörbare Einheit des Menschengeschlecht, erfährt.; das, was Schopenhauer als "das bist Du" übersetzt; das reine Gegenstück zu dem von Antelme zitierten immer bereiten Axiom, der letzten Verteidigungslinie: "Das sind keine Leute wie wir" (ein Axiom, das, trotz seine Allgegenwärtigkeit, seiner Macht die Einheit des Menschlichen niemals zu zerstören vermag).
Und so ist "Das Menschengeschlecht" (für mich) weit mehr als die drastische Schilderung des Lagerlebens, es ist im eigentlichen Sinne ein ethisches Buch, geschrieben von einem erstaunlichen Menschen ("der am meisten zählte" Kofman), der darüber Zeugnis abgibt, dass es auch in dieser Unmenschlichkeit der Lager, nicht möglich war das Menschliche zu eleminieren:
"Je mehr wir uns verändern, je mehr wir uns von zuhause entfernen, je mehr die SS glaubt, uns zu einer unterschiedslosen und verantwortungslosen Masse zu machen, was wir dem Anschein nach auch unbestreitbar sind, umso schärfer werden diese Unterschiede. Der Mensch der Lager ist nicht die Aufhebung der Unterschiede. Im Gegenteil, er ist ihre tatsächliche Verwirklichung" "Es bestand nicht die geringste Aussicht, jemals wirklich für alle ein Niemand zu werden." (Antelme)
Sarah Kofman schreibt zu diesem Buch:
"Antelmes Buch ist nicht schön, es ist erhaben. [...] Ein erhabenes Buch, das Bewunderung und Respekt einflößt, das der höchsten ehtischen Forderung entspricht und dessen Schrift - dessen machtfreie Schrift - uns das Schweigen derer hören lassen kann, die nicht haben sprechen können, das uns das `wahre Wort` vernehmen lassen kann, das mit der stillen Gegenwart des anderen eins ist, des anderen, der während des Lageraufenthalts am Sprechen gehindert wurde, eine Schrift, die verboten ist, aber auch zurückgewiesen, aufgespart, von jeder Ablenkung, jeder Korruption und jedem gewaltsamen Missbrauch ferngehalten, die den Verdacht auf sie hätte lenken können, das Spiel der grenzenlosen Gewalt mitgespielt zu haben [...]"
P.S: Nachdem das Buch in der BRD erst 40 Jahre nach dessen Erscheinen in Frankreich neu übersetzt (eine alte Übersetzung gab es aus der DDR) und herausgebracht wurde, ist es eine Schande, dass es schon jetzt nicht mehr aufgelegt wird.