Vier Jahre ist es her, daร Kathryn Bigelows "Gefรคhrliche Brandung" mit beachtlichem Erfolg in den deutschen Kinos lief. Auf den Filmfestspielen von Venedig erlebte nun ihr neuester Film in der Publikumsschiene "Notte venetiani", eine Produktion ihres Ex-Gatten James Cameron, der neben Jay Cocks auch als Co-Autor verantwortlich zeichnet, seine Welturauffรผhrung. Hat man das 139minรผtige Action-Spektakel gesehen, weiร man auch, warum Bigelow und ihr Team so lange daran gearbeitet haben. Glaubte man nรคmlich nach "Terminator 2", daร die Grenzen des technisch Machbaren erreicht seien, so wird man hier eines Besseren belehrt. "Strange Days", das ist Kino, bei dem einem das Sehen und Hรถren im wahrsten Sinne des Wortes vergeht. Jugendfilm hat einen guten Kauf getan, der sich sowohl vom Einspielergebnis als auch von der Qualitรคt her mit den Groรproduktionen dieses Sommers leicht wird messen kรถnnen. Wie schon ihre vier bisherigen Filme ist auch "Strange Days" im Prinzip ein konventionelles Genre-Stรผck, das Bigelow geschickt variiert und modernisiert. War etwa "Near Dark" eine Vampir-Variante von "The Wild Bunch", so ist "Strange Days" eine Cyber-Version eines klassischen film noir. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Ex-Cop Lenny Nero - groรartig gegen den Strich besetzt: Ralph Fiennes - , der als Pusher von Cybersex-Disketten ein eintrรคgliches Geschรคft betreibt. Wie seine Kollegen Sam Spade und Philip Marlowe ist er ein verbitterter Einzelgรคnger, der sich damit abgefunden hat, daร die Welt vor die Hunde geht. Das Los Angeles des Jahres 1999, das sich dem Ende zuneigt - der Film spielt an den letzten beiden Tagen des Milleniums -, ist ein einziges Schlachtfeld, auf dem sich die Polizei und diverse Gangs erbitterte Schlachten liefern. Nero wird aus seiner Lethargie wachgerรผttelt, als seine Ex-Freundin Faith - Juliette Lewis als Neon-Femme fatale -, die er immer noch liebt, von einem scheinbar geisteskranken Mรถrder bedroht wird. In seinem schier aussichtslosen Kampf gegen den รผbermรคchtigen Gegner findet der desillusionierte Mann in der Limousinen-Fahrerin und Leibwรคchterin Mace, vorzรผglich gespielt von Angela Bassett, eine ebenbรผrtige Partnerin. Wurde Kathryn Bigelow schon fรผr ihre expliziten Gewaltszenen in "Blue Steel" angegriffen, dรผrften auch hier die Wogen der Empรถrung, Stichwort: Gewaltverherrlichung, hochschwappen. Wie in ihren bisherigen Filmen wird die Gewalt nie zum Selbstzweck, sondern muร als Gesellschaftskritik gelesen werden. So ruft eine Szene, in der ein schwarzer Rap-Musiker von der Polizei grundlos erschlagen wird, sofort den Rodney-King-Skandal in Erinnerung. Ein gewisses Unbehagen lassen lediglich die Vergewaltigungsszenen aufkommen, die einmal mehr aus mรคnnlicher Sicht gefilmt sind. Vom Formalen und Tricktechnischen her gesehen, setzt "Strange Days" neue Standards. Ausstattung, Kostรผme, Schnitt, Kamerafรผhrung und Musik sind perfekt, Unterhaltung und Anspruch somit garantiert. Die Virtuosin Kathryn Bigelow muร spรคtestens seit diesem Film zu den zehn besten Actionfilm-Regisseuren Hollywoods gezรคhlt werden. geh.