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Die Festung der Einsamkeit

Jonathan Lethem (Gebundene Ausgabe, Deutsch)

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Beschreibung
Jonathan Lethems neuer Roman ist ein großes und bewegendes Buch über Freundschaft und Erwachsenwerden im Großstadtdschungel. Die New York Times kürte es zum "Besten Roman des Jahres 2003". Anfang der siebziger Jahre ziehen die ersten weißen Hippiefamilien ins Zentrum Brooklyns, das zu der Zeit überwiegend von Schwarzen und Puertoricanern bewohnt wird. Dylan, der schüchterne Sohn des Malers Abraham Ebdus und dessen Frau Rachel sieht sich mit dem Umzug der Familie in eine bedrohliche Welt versetzt. Jede Zuneigung muß er sich erkämpfen wie das Stück Asphalt beim Spielen auf der Straße. Dennoch versucht seine Mutter ihn mit aller Macht in dem Viertel, in dem sie selbst aufwuchs, zu integrieren. Als sie eines Tages verschwindet und sich der Vater in die abstrakte Welt seiner Malerei flüchtet, ist der achtjährige Dylan auf sich allein gestellt. Beschützt von seinem gleichaltrigen schwarzen Freund Mingus Rude, den selbstbewußten Sohn eines vormals berühmten Jazzmusikers aus der Nachbarschaft, und begleitet von einem geheimnisvollen Ring, begibt er sich auf die Suche nach seiner Identität. Jonathan Lethem erzählt die faszinierende Geschichte einer Freundschaft in einem pulsierenden Universum aus den Stimmen und Spielen der Straße, den mit Superkräften begabten Helden zerlesener Comichefte, der Energie von Funk und Punk, von Graffiti und Drogen. Autor-Bio: Jonathan Lethem geb. 1964, lebt in Brooklyn, New York. Für seinen auch in Deutschland erfolgreichen Roman "Motherless Brooklyn" erhielt er den Book Critics Circle Award und den Golden Dagger Award. Rezension: "Die Festung der Einsamkeit ist einer der seltenen und bedeutsamen Romane, die man vermissen würde, wenn sie nicht geschrieben worden wären." Nick Hornby Leseprobe: Das sechste Schuljahr. Das Jahr des Schwitzkastens, das Jahr des Jochs, Dylans erhitzte Wangen eingeklemmt im Ellbogen des einen oder anderen schwarzen Kindes, die Büchertasche, die in den Rinnstein schlittert, die Taschen schnell und leichthändig gefilzt nach Essensgeld oder einer Busfahrkarte. Auf der Hoyt, auf der Bergen, auf der Wyckoff Street, wenn er dumm genug war, dort entlangzugehen. Sogar auf der Dean Street, einen Block von zu Hause entfernt, vor den toten Augen der Brownstones, im Schatten des summenden, unbeeindruckten Krankenhauses. Erwachsene, Lehrer, sie alle waren so fern wie Manhattan von Brooklyn, blinde, gleichgültige Türme. Dylan war ein Insekt auf dem Raster des Schiefers, ein weißer Junge auf Wanderschaft. "Zeig's ihm, Mann", sagten sie auffordernd. Er war das Objekt, die Gelegenheit, es war unerheblich, was er mitbekam. "Zeig's dem weißen Jungen. Tu es, Nigger." Er konnte niedergezwungen werden, vornübergebeugt werden, von jemandem um die Hüfte gelegt und dann wie ein menschlicher Kreisel gedreht werden, mit eingeknickten Beinen und verschränkten Knöcheln. Oder von hinten, ohne daß er wußte von wem, wenn sich der Schwitzkasten lockerte und drei oder vier Typen um ihn herumstanden, Zeugen mit kalten Blicken, die die Köpfe schüttelten über das dummdreiste Glück, weiß zu sein. Es war ebenso sehr Routine wie Lachen. Das Quälen kam spontan, ein Witz aus Furcht, ein wenig Albernheit. Man ließ ihn danach gehen wie nach der Vorführung eines heiteren Straßentheaters. "Dir ist nichts passiert, Mann. War nicht so gemeint. Du weißt, wir haben nur Spaß gemacht, nicht?" Sie würden davonlaufen, ihn zitternd, hyperventilierend zurücklassen, während sie sich abklatschten, eher wie unbeteiligte Zuschauer denn wie Täter. Wenn Dylan nach Luft japste oder winselte, waren sie perplex und ein wenig enttäuscht davon, wie schnell der weiße Junge hysterisch wurde. Dylan verstand das einfach nicht, hatte seine Rolle noch nicht gelernt. In diesen Momenten hoben sie seine Bücher oder Mütze auf und drückten sie ihm an die Brust, setzten ihn wieder zusammen. Im Griff des Schwitzkastens steckte auch immer ein Hauch von Zuneigung. Peiniger und Gepeinigter hatten einen sonderbaren Bund geschlossen. Man versprach seinen Feinden regelmäßig, daß das gemeinsame Tun keinen Namen hatte. Aus Dylan flossen Spucke und Tränen heraus. An kalten Tagen eine Nasevoll Rotz. Einmal auch Pisse. Er biß sich auf die Zunge und schmeckte den Rücklauf, den Beigeschmack der heruntergeschluckten Erniedrigung. Sie verzogen die Gesichter und rollten mit den Augen. Dylan war ein hoffnungsloser Fall, besudelt mit Scham. Sie würden versuchen darüber hinwegzusehen. "Der Junge blutet, sobald man ihn berührt." "Nee, Mann, der is in Ordnung. Laß ihn in Ruhe, Mann." "Du wirst nicht petzen, oder? Du weißt, daß wir's nicht ernst meinen. Wir würden dir nie was tun, Mann." Er würde nicken, sich zusammenreißen, den Mund halten. Auf die Glückwünsche warten, daß er die Tränen zurückhielt, daß er schwieg. "Siehst du? Bist ziemlich cool, für einen Weißen. Und jetzt hau ab, Whiteboy." Whiteboy wurde zu seinem Namen. Er wuchs hinein, überschritt eine Grenze, wurde sichtbar. Er glänzte wie Geld, das auf der Straße lag. Der Preis des Namens war der freie Zugriff auf seine Taschen, fünfzig Cent oder ein Dollar. "Whiteboy, laß uns kurz miteinander reden." Den Kopf schräg gelegt, zu faul, die Hände aus den Taschen zu nehmen, um ihn herbeizuwinken. Ein schwarzes Kind, zwei, drei. Noch eins, das möglicherweise nur in der Nähe stand, man konnte nicht sagen, wer zu wem gehörte. Augenrollen, Lachen. Der ganze Vorgang ein Zitat seiner selbst, ein wenig langweilig, fast zu unwürdig, um ihn noch durchzuexerzieren. Falls er es ignorierte, versuchte weiterzugehen: "Yo, Whiteboy! Ich red mit dir, Mann." "Was ist los, hörst du schlecht?" Nein. Ja. "Kannst du mich nicht leiden, Mann?" Hilflosigkeit. Mit dem Ergebnis: Er würde die Straße überqueren, um die Taschen geleert zu bekommen. Das stand von vornherein fest. Er würde zu seiner Schande wie magnetisiert hinübergehen, unter dem Damoklesschwert einer unausgesprochenen Drohung, so daß niemand sagen müßte: Siehst du, jetzt mußte ich dich fertigmachen, weil du nicht hörst, Mann. Es war wie ein Tanz, dessen Schritte von Drohungen begleitet wurden. Nenn mich Whiteboy, und ich geb dir freiwillig einen Dollar, ich bin mittlerweile gut darin. "Komm mal kurz her, Mann, ich tu dir nichts. Wovor hast du Angst? Verdammt, Mann. Denkst du, ich tu dir was?" Nein. Ja. Die Logik dieses Tanzes war krank, außer wenn man sie als Zweiklang aus Bedrohung und Besänftigung verstand, als Lockruf. "Wovor hast du Angst? Bist du ein Rassist, Mann?" Ich? Wir quälen dich, weil du denkst, daß wir dazu fähig sind: wir können es schon vorab in deinen Augen lesen. Deine Angst verpflichtet uns, zu beweisen, daß du recht hast.
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Technische Daten


Erscheinungsdatum
09.06.2004
Sprache
Deutsch
EAN
9783932170683
Herausgeber
Tropen Verlag
Serien- oder Bandtitel
Trojanische Pferde
Sonderedition
Nein
Autor
Jonathan Lethem
Seitenanzahl
672
Auflage
2
Einbandart
Gebundene Ausgabe

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