Subtilität ist eine Eigenschaft, die man Roland Joffe nicht vorwerfen kann. In der vierten Verfilmung der klassischen tragischen Liebesgeschichte "Der scharlachrote Buchstabe" von 1850 setzt er, dem König des modernen Kolossal-Schinkens, Richard Attenborough, durchaus ebenbürtig, ganz auf große Gesten und jene aufwendige Inszenierung, mit der er schon "Mission" und "City of Joy" wuchtig auf die Leinwand schmetterte. Die Vorlage von Nathaniel Hawthorne bleibt in dem orgiastischen Cocktail aus lodernden Leidenschaften, zum Scheitern verdammter Emotionen und verbotener Eingeborenenrituale weitgehend auf der Strecke.
Im Amerika des 17. Jahrhunderts verbringt die selbstbewußte Hester Prynne nach der Nachricht vom vermeintlichen Tode ihres Mannes eine heiße Liebesnacht mit dem ansässigen Pfarrer Dimmesdale. Das Ergebnis ist ein uneheliches Kind und der Zorn der puritanischen Gesellschaft, als Hester den Namen des Vaters nicht preisgeben will. Sie wird geächtet und muß fortan ein rotes A (für "Adultery" - Ehebruch) auf ihrer Brust tragen. Bei dem Versuch, der Geschichte aktuelle Relevanz zu verleihen, ging man so weit, den tragischen Ausgang der unseligen Allianz der beiden Liebenden in ein Happy End zu verwandeln. Nicht von ungefähr wird schon in den Credits darauf verwiesen, daß es sich um eine "freie Adaptation" handelt.
Wenn man die fragwürdigen Eingriffe in die dramatische Struktur und den Pomp von Joffes humorloser Inszenierung akzeptiert, dann entpuppt sich "Der scharlachrote Buchstabe" als aufwühlende Love Story im Abenteuerfilm-Gewand, die auf große Emotionen und die entsprechende Breitenwirkung abzielt. Eine legitime Intention. Mit einer Flut bombastischer Bilder und Demi Moore und Gary Oldman als sich verzehrendes Traumpaar wirft sich Roland Joffe ins Zeug, als handelte es sich um "Romeo und Julia bei den Pilgervätern".
Tatsächlich ist "Der scharlachrote Buchstabe" dann am besten, wenn er sich zum Groschenroman und Kitsch bekennt und künstlerische Ambition hintanstellt. So kommt der Zuschauer in den Genuß der sinnlichsten Hester Prynne aller Zeiten: Ihre Liebesszene mit dem von Gary Oldman mit ungewohnter Zurückhaltung dargestellten Dimmesdale, die Joffe mit Bildern der badenden Mulattensklavin Hesters und einem scharlachroten Fink gegenschneidet, ist unvergeßlich. Obwohl voyeuristische Momente ausgekostet werden, ist auch das Bemühen um politische Korrektheit à la 1995 deutlich zu spüren. In der Gestalt von Demi Moore ist Hester nicht mehr nur eine Märtyrerin, sondern eine selbstbewußte, gebildete und emanzipierte Frau, die sich aus Überzeugung gegen das Korsett gesellschaftlicher Restriktionen stemmt. Letztlich werden ihr nicht die guten Bürger von Massachusetts gefährlich, sondern ihr aus Indianergefangenschaft zurückgekehrter Mann, der sich inkognito als Arzt unter die Gemeinde mischt und Intrigen gegen das ungetreue Weib spinnt. Robert Duvall spielt diesen Psychopathen mit einer diabolischen Süffisanz, die selbst Hannibal Lecter Anerkennung abringen würde. So steuert Joffe auf ein einer 50-Mio.-Dollar-Produktion würdiges Finale zu, daß "Der letzte Mohikaner" entlehnt zu sein scheint. Wenn Hester und Dimmesdale schließlich gemeinsam gen Sonnenuntergang kutschieren, ist man geneigt, den steinigen, mit Widersprüchen gepflasterten Weg ins Glück der beiden zu verzeihen. Immerhin bietet "Der scharlachrote Buchstabe" eskapistische Mainstream-Unterhaltung höchster Ordnung. ts.