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★★★★★
☆☆☆☆☆
Eine Rettung in verschiedenen Weisen
Mirjan S. - Bewertet am 06.07.2025
Zustand: Exzellent
"Kann schon sein, dass wir alle eines Tages ertrinken, verbrennen oder verhungern, aber bis dahin können wir immer noch selber entscheiden, ob wir zur Vernichtung beitragen oder füreinander da sein wollen." (Buchzitat - S. 312)
In „Die Rettung“ entwirft Charlotte McConaghy ein intensives,… atmosphärisches Kammerspiel auf einer Insel zwischen Australien und der Antarktis, wo sich fünf Menschen – eine Familie und eine Fremde – mit sich, der Natur und ihrer Vergangenheit auseinandersetzen müssen. McConaghy, die mit Zugvögel ihren internationalen Durchbruch feierte, ist bekannt für ihre poetische Sprache und ihr Engagement für Umweltthemen. Auch in diesem Roman steht ihre Faszination für Wildnis, Verlust und menschliche Beziehungen im Zentrum – ruhig, bildgewaltig, existenziell.
Worum geht’s?
Dominic Salt lebt mit seinen drei Kindern Fen, Raff und Orley auf der abgelegenen Insel Shearwater, die allmählich vom Meer verschlungen wird. Als nach einem Sturm eine verletzte Frau – Rowan – an die Küste gespült wird, beginnt ein langsames Aufeinander-Zubewegen. Die Kinder müssen sich von der geliebten Insel verabschieden, während Vergangenheit, Geheimnisse und alte Wunden zwischen den Figuren aufbrechen. Was ist mit Rowans Partner geschehen? Was hat Dominic zu verbergen? Und was braucht es, um einander wirklich zu retten?
Meine Meinung
"Die Rettung" war mein erstes Buch von Charlotte McConaghy – und es wird sicher nicht mein letztes bleiben. Zwar hatte ich anfangs gewisse Startschwierigkeiten: Der ruhige Einstieg, die zurückhaltenden Figuren und das zunächst unklare Setting haben mich nicht sofort abgeholt. Doch je weiter ich las, desto mehr entfaltete sich die emotionale Tiefe des Romans.
McConaghy gelingt es meisterhaft, Natur, Klima und Menschlichkeit zu verweben. Ihre Sprache ist poetisch, eindringlich, ohne je zu pathetisch zu sein. Besonders beeindruckt haben mich die atmosphärischen Landschaftsbilder:
„Draußen der tollwütige Sturm… Drinnen kämpft die See noch immer um ihr Recht an der Frau, lässt nicht von ihr ab.“ (S. 14)
Die Natur ist in diesem Roman nicht Kulisse, sondern Charakter – voller Schönheit und Bedrohung.
Auffallend war auch das feine Gespür für Trauer, Elternschaft und emotionale Ambivalenz. Dominic ist kein Held, sondern ein Vater, der an seiner Rolle wächst, scheitert und dennoch weitermacht. Seine Gedanken zur Tochter Fen bringen das Thema Elternschaft auf den Punkt:
"...Ich will ihr Raum zum Wachsen lassen, aber auch verhüten, dass sie mir entgleitet. Sie soll das Leben kennenlernen, seine schönen und komplexen Seiten, sie soll Dinge wagen, Fehler machen und Liebe erfahren, wie alle Menschen, und doch kommt mir das alles zu groß vor. zu überwältigend." (S.90)
Beeindruckend fand ich zudem die vielschichtige Thematisierung von Liebe, Fürsorge und Zugehörigkeit – auch jenseits klassischer Rollenbilder. Was bedeutet Elternschaft, wenn man sich selbst nicht dafür geschaffen fühlt? Was heißt es, sich trotz Trauma zu öffnen? Und wie kann Liebe Menschen heilen, ohne sie zu retten?
Die Kindercharaktere, allen voran Fen, haben mein Herz berührt. Wie sie sich um ihren kleinen Bruder kümmern, wie sie den Tod ihrer Mutter verarbeiten – all das wird glaubhaft und mit viel Wärme erzählt. Bewegend war etwa die Szene, in der Raff Geige spielt und seinen Vater zum Weinen bringt.
Auch das ökologische Thema wird subtil, aber kraftvoll integriert: Das Artensterben, die fragile Schönheit der Wale, Mangroven und Albatrosse, das Zusammenspiel von Natur und Mensch – all das erinnert daran, wie sehr unser Überleben mit dem anderer Lebewesen verknüpft ist. Ein Satz bleibt mir dabei besonders im Gedächtnis, weil er unsere Vergänglichkeit aufzeigt:
„Alles auf der Welt wird verbrennen, ertrinken oder verhungern, auch wir.“ (S. 137)
Die Auflösung der Geschichte ist dramatisch, traurig, überraschend – und doch hoffnungsvoll. Und es sind die kleinen Szenen, die mich am meisten berührt haben: die Wombats, die ihre Bauten mit anderen Tieren teilen, Rowans Reflexion über Liebe und Verlust, Doms leiser Abschied von der Vergangenheit.
Fazit
Ein bewegender Roman über Verlust, Schuld, Fürsorge und Hoffnung. Charlotte McConaghy zeigt, dass Rettung viele Gesichter hat – körperlich, emotional, familiär, ökologisch. „Die Rettung“ meint nicht nur, gerettet zu werden – sondern auch, andere zu retten, sich selbst neu zu finden und die Welt mit anderen Augen zu sehen. Ein stiller, kraftvoller Roman, der nachhallt – und der zeigt, wie tief Rettung in unseren Beziehungen, Entscheidungen und unserer Verbindung zur Natur verankert ist.