Margarethe von Trotta bleibt ihrer Vorliebe fรผr klare Frauenportrรคts treu und zeichnet die titelgebende Seherin, Heilkundige und Komponistin als moderne kรคmpferische Frau.
Mit dem ersten Millenniumswechsel erรถffnet Margarethe von Trotta ihren 14. Kinofilm. Glรคubige haben sich in einer einfachen Kapelle versammelt und erwarten betend und weinend den Untergang der Welt. Kerzen tauchen den Raum in flackerndes Licht. Die Leinwand wird schwarz - und dann geht die Sonne doch wieder auf. Die Menschen schรถpfen Hoffnung, danken dem Allmรคchtigen. Eine klug erlรคuternde Szene, die die Stimmung jener Zeit, zwischen Glauben und Aberglauben, wohl recht prรคzise wiedergibt.
Rund ein Jahrhundert spรคter wird die aus einer Adelsfamilie stammende Hildegard geboren. Als Achtjรคhrige kommt sie ins Benediktinerkloster Disibodenberg. Abt Kuno (Alexander Held) fรผhrt an diesem Ort des Schweigens und Gehorsams ein strenges Regime, รผbergibt das Kind der Obhut Jutta von Sponheims (Mareile Blendl). Der Magistra wรคchst das aufgeweckte Mรคdchen schnell ans Herz, sie fรถrdert dessen musikalische Begabung und gibt ihm all ihr Wissen weiter.
Ganz geradlinig entwickelt Autorin von Trotta ihre Leinwandbiografie. Starke Frauen sind bevorzugt ihr Thema, "Rosa Luxemburg" etwa oder die wenig verklausulierte Gudrun Ensslin ihres Venedig-Siegers "Die bleierne Zeit" (1981). Ihre Heldinnen stehen im Widerspruch zu ihrer Zeit, Politisches und Privates sind untrennbar miteinander verbunden. Sie sind energisch und durchsetzungsfรคhig, selbstbestimmt und mutig. Wie Hildegard, die frรผhe Feministin, die nach dem Tod der Mentorin ihrem Vertrauten, dem Mรถnch Volmar (Heino Ferch), gesteht, dass sie seit frรผher Kindheit Visionen hat und Nachrichten von Gott empfรคngt.
Womit das Drama in "Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen" Einzug hรคlt. Eine Frau, die vorgibt, Gott nรคher zu sein als die Mรคnner - das war selbst 200 Jahre vor Einsetzen der Inquisition lebensgefรคhrlich. Doch kaum hat Hildegard sich "geoutet", bezieht sie auch Stellung, stellt sich ihrer Berufung, unbeirrbar.
Barbara Sukowa, Lieblingsschauspielerin und "Geistesverwandte" von Trottas, reckt das Kinn vor und kรคmpft. Sie geht in ihrer Rolle auf, versteht es trotz Nonnentracht zu strahlen, das Charisma von Bingens sichtbar zu machen. Wรคhrend sich die Filmemacherin mit ihrer Regie zurรผcknimmt, alles Laute meidet, unauffรคllig und ruhig inszeniert. Die Dinge passieren im Off, werden im Dialog erlรคutert. Innen ist der bevorzugte Handlungsort, karge Klรถster - gedreht wurde unter anderem in Maulbronn und Eberbach - mit schlicht eingerichteten funktionalen Rรคumen.
Axel Block verwendet kaum kรผnstliches Licht, seine atmosphรคrischen Bilder sind blau und schwarz, dunkel wie die Zeit mit ihren winzigen Fenstern und wuchtigen Mauern. Nur ganz selten geht der Film nach drauรen und gibt den Blick frei. Beispielsweise wenn die รbtissin und Naturheilkundlerin allen Widerstรคnden zum Trotz 1150 das Frauenkloster Rupertsberg durchsetzt und mit ihren Schwestern auf die Baustelle mitten im Wald zieht. Dort feiert man nach Einzug auch mit einem Singspiel aus Hildegard von Bingens Feder. Sie war eine Frau fรผr die Moderne - was auch die derzeitig stattfindende Renaissance ihrer Musik belegt. geh.