Alle Bewertungen, die wir veröffentlichen, wurden von echten rebuy Nutzer:innen geschrieben.
★★★★★
☆☆☆☆☆
Ein Buch wie ein langer Winterspaziergang
Romy H. - Bewertet am 28.09.2020
Zustand: Exzellent
Kalmann ist 34 Jahre alt und lebt in Raufarhövn, wo er als Haifischfänger und Sheriff bekannt ist. Sein Gammelhei und seine Mauser kennt jeder im Dorf. Haie zu fangen und Polarfüchse zu jagen hat er von seinem Großvater gelernt, die Mauser hat er von seinem leiblichen Vater geschenkt bekommen, einem… Amerikaner. Mehr ist ihm von seinem Vater nicht geblieben, und so hütet er sie wie einen Schatz. Mit den Leuten im Dorf kommt Kalmann gut klar, auch wenn er manchmal lacht wenn niemand lacht, oder nicht weiß warum die anderen lachen. Er zieht sich dann in sein kleines Haus zurück, vor den Fernseher, wo er so viele Chips und Süßigkeiten essen kann wie er möchte - so lange ihn seine Mutter nicht erwischt.
Eines Tages entdeckt Kalmann auf der Jagd eine Blutlache im Schnee und ist kurz darauf in einen Vermisstenfall verwickelt, der das ganze Dorf in Atem hält. Doch schon bald hat er die Polizistin Birna und alle anderen von seiner Unschuld überzeugt, auch wenn die kaum einer ihm glaubt, dass tatsächlich ein Eisbär den Vermissten gefressen haben könnte...
Joachim B. Schmidt nimmt uns in seinem Roman "Kalmann" mit auf einem ausgedehnten Winterspaziergang durch die Natur und Kultur Islands. Wir lernen als Leser viel über die Menschen in Raufarhövn, über ihre Eigenarten und Probleme, aber auch über die Wildnis, das Wetter und das Meer. Während wir Kalmann durch seinen Alltag begleiten, auf seinen Streifzügen durch den Schnee und seinen Fahrten zu seinen Langleinen im Meer, entdecken wir als Leser viele kleine wunderschöne Dinge: Kalmanns Gedanken, die Natur Islands, die Menschlichkeit der Bürger in Raufarhövn. Doch unterwegs ist es auch kalt, der Himmel ist grau und die Schritte werden schwerer, während die Feuchtigkeit in die Schuhe kriecht. Leider reicht die Energie in Schmidts Erzählweise nicht aus, um diese Schwere abzuschütteln. Es stellt sich beim Leser eine Trägheit ein, die die Seiten zäh werden lässt.
Insgesamt hat mir das Setting der Erzählung gut gefallen, doch leider fehlt es an Dynamik, Interaktion und Emotion. Stattdessen wird leierhaft aus Kalmanns Gefühls- und Gedankenwelt erzählt, die aufgrund seiner Einschränkungen leider sehr einseitig und wenig tiefgründig ist. Doch auch eine leichtfüßige Komik kommt nicht auf; stattdessen begleiten wir Kalmann auf einem langen Winterspaziergang, den ich mir als Leserin wesentlich spannender vorgestellt habe, und dessen Ende ich nach der Hälfte bereits herbeigesehnt habe.
Hat dir die Bewertung geholfen?
★★★★★
☆☆☆☆☆
Island spezial
sursula p. - Bewertet am 17.09.2020
Zustand: Exzellent
Bei diesem Buch fragt man sich lange, ist es ein Krimi, eine Milieustudie oder der Schicksalsbericht eines Außenseiters. Dieses Buch ist anders.
Es ist nicht viel los im isländischen Raufarhöfn. Man fängt seinen Fisch, man kennt sich und man toleriert gegenseitig seine Eigenarten. Sogar Kalmann,… der wirklich eigen ist, wird dort akzeptiert. Er ist in Raufarhöfn aufgewachsen und macht den zweitbesten Gammelhai nach seinem Großvater. Allein dafür gebührt ihm Anerkennung.
Mit der Beschaulichkeit des Dorfes ist es vorbei, als Kalmann auf der Jagd eine riesige Blutlache entdeckt. Der Hotelbesitzer wird vermisst. Besteht da ein Zusammenhang?
Das Buch besticht durch sein ungewöhnliches Setting und seine originellen Figuren. Man bekommt eine geballte Prise Seeluft, Island aus Insidersicht, knurrige Originale und Kalmann, den unfreiwilligen Helden mit Handicap, der einem ans Herz wächst, obwohl er nur selten herzerfrischend ist, dazu noch ein paar Rätsel und ordentlich Fisch.
Kalmann berichtet persönlich, ist gelegentlich etwas weitschweifig, aber man verzeiht es ihm gerne, lernt man doch ausführlich Land und Leute kennen und lernt sogar einiges dabei.
Einzig die Auflösung fand ich etwas sehr konstruiert. Hier hat der Autor ein raffiniertes Geheimnis entwickelt, wo ich mir Selbstverständlicheres gewünscht hätte.
Aber sei es drum: „Kalmann“ ist ein wirklich unterhaltsames Buch, das fesselt und Genregrenzen sprengt.
Hat dir die Bewertung geholfen?
★★★★★
☆☆☆☆☆
Absolut lesenswert!
Ilona S. - Bewertet am 03.09.2020
Zustand: Exzellent
Eine wunderbare Geschichte, die mir ausgesprochen gut gefallen hat. Ort des Geschehens ist weit im Norden Islands, ein kleines Dorf mit nur 170 Einwohnern. Das besondere ist, dass man alles aus der Perspektive von Kalmann geschildert bekommt. Kalmann ist ein geistig etwas zurückgebliebener junger… Mann Mitte 30, der sich aber in dem einfachen, harten Landleben in der Abgeschiedenheit sehr gut behaupten kann. Von manchen boshaft als Dorftrottel bezeichnet ist er in Wahrheit ein Held.
Die Sprache ist klar und in kurzen Sätzen verpackt. Die Spannung baut sich langsam auf. Ganz nebenbei wird ein Mann aus dem Dorf vermisst und Kalmann hat eine Blutlache im Schnee entdeckt. Die letzten hundert Seiten konnte ich das Buch nicht weglegen. An manchen Stellen gibt es überraschende Wendungen, sehr fantasievolle.
Schade, dass das Buch schon zu Ende ist. Ich mochte die Atmospäre in Island, den klaren Blick von Kalmann und den Roman einfach sehr.