John Sayles, einer der letzten aufrechten Independent-Ritter des US-Kinos, gräbt sich mit seinem bis ins kleinste Detail ausgefeilten Drama "Lone Star" an die Knochen der amerikanischen Altvorderen heran. In epischer Breite erzählt Sayles einen spannenden Filmroman, der das Netz einer Mordgeschichte über einer texanischen Kleinstadt auswirft und damit gleichzeitig die über Generationen miteinander verwobenen Schicksale der Einwohner porträtiert.
Als roter Faden zieht sich der mysteriöse Mord an dem korrupten und rassistischen Sheriff Charlie Wade (brillant als rostiger Haudegen mit dem Finger am Abzug: Kris Kristofferson) durch den Film. Wades skelettierte Leiche wird 40 Jahre nach dem Verschwinden des ungeliebten Tyrannen entdeckt, und für den jungen Sheriff Sam Deeds (Chris Cooper) wird die Suche nach dem, was damals passierte, zur persönlichen Angelegenheit. Denn Deeds' Vater war der bei allen beliebte und als Held verehrte Nachfolger Wades. Der Verdacht, er könne der Sohn eines Mörders sein, ist für Sam gleichzeitig die Chance, aus dessen Schatten herauszutreten.
Dieses Motiv, daß die Söhne und Töchter um das Wissen von den Taten ihrer Eltern kämpfen müssen, findet sich auch in den Subplots, die in die Geschichte eingebettet sind. Während er von den Tragödien und Schwierigkeiten weißer, schwarzer und mexikanischer Familien erzählt, die alle zusammen die Gemeinschaft dieser amerikanischen Stadt formen, macht Sayles deutlich, daß die Geschichte seines Landes aus Erinnerungsfragmenten, Lügen und Legenden besteht. In einigen Szenen wird er so deutlich, etwa das Interesse eines schwarzen Barbesitzers für indianische Kultur oder die Geschichtsstunden der halbmexikanischen Lehrerin Pilar (Elizabeth Peña) als kleine pädagogische Exkurse einzustreuen. Die Liebesgeschichte zwischen Pilar und Sam Deeds bildet zugleich das emotionale Herzstück des Films: In der Beziehung zwischen den beiden verschmelzen die Rassen und die Vergangenheit, lösen sich die Konflikte auf. Freilich ist Sayles fintenreich genug, in das sich andeutende Happy End noch einen guten Schuß Bitternis einzustreuen. Letztlich aber erweist er sich als echter Liberaler, indem er klar macht, daß jedem zu jeder Zeit die freie Wahl des Weges bleibt, unbelastet von der Schuld der Vorfahren.
Mit 134 Minuten Laufzeit - und nicht eine davon ist zu lang - gibt "Lone Star" vor allem ein Zeugnis von dem erstaunlichen Talent des Drehbuchautors Sayles (der als Regisseur uneitel genug war, seine eigene Rolle komplett aus dem Film herauszuschneiden). Aus den komplex miteinander verknüpften Charakteren, Einzelschicksalen und Episoden fügt er ein sich zu einem überraschenden Showdown verdichtendes Western-Drama zusammen, aus dem andere problemlos eine mehrteilige Fernsehserie gemacht hätten. evo.
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