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★★★★★
☆☆☆☆☆
Wenn die Gewalt nachhallt und Liebe trotzdem bleibt
Mirjan S. - Bewertet am 10.01.2026
Zustand: Exzellent
"Da, wo ich dich sehen kann" von Jasmin Schreiber ist ein Roman, der richtig weh tut. Erschienen beim Eichborn Verlag, erzählt das Buch aus unterschiedlichen Perspektiven von einem Femizid und dem Danach: von Trauer, strukturellem Versagen, Schuldgefühlen und dem verzweifelten Versuch,… weiterzuleben. Im Zentrum stehen die neunjährige Maja, deren Vater ihre Mutter Emma tötet, und Liv, Emmas beste Freundin, die plötzlich Verantwortung für Maja übernimmt.
Meine Meinung
Schon die Widmung des Buches trifft mit voller Wucht: „Für meine Nachbarin, die dieses Jahr von ihrem Ehemann vor den Augen ihres gemeinsamen Kindes in ihrer Wohnung erstochen wurde. Und für alle anderen, die durch männliche Gewalt verletzt wurden …“ Man merkt sofort: Dieses Buch liegt der Autorin sehr am Herzen.
Für mich liegt das Besondere dieses Buches in seiner Vielschichtigkeit. Schreiber arbeitet mit wechselnden Perspektiven (Tochter, Patentante, Eltern, sogar die Hündin Chloé) und mit unterschiedlichen Textsorten (Notrufprotokolle, Zeitungsberichte, gerichtsmedizinische Dokumente, Was-wäre-wenn-Passagen). Gerade die "Was-wäre-wenn-Passagen" haben mich nicht losgelassen, weil sie schmerzhaft zeigen, wo seitens der Hinterbliebenen überall ein anderes Handeln möglich gewesen wäre, ohne dabei in Schuldzuweisungen zu kippen.
Die psychologische Tiefe des Buches ist enorm. Etwa, wenn Majas kindliche Selbstschuld sichtbar wird: „Sie wusste, dass es ihr Job war, auf Mama aufzupassen … aber sie war nicht gründlich genug gewesen“ (S. 206). Oder Livs Wut auf eine Gesellschaft, die weibliches Leid konsumiert: „Der tote Frauenkörper als Erzählmotor für faule oder unkreative Drehbuchschreiber …“ (S. 268).
Platz bekommt im Buch auch die Auseinandersetzung mit Mutterschaft, Ambivalenz und Überforderung. Ein Satz hat sich mir eingebrannt:
„Ich trauere der Frau hinterher, die ich hätte sein können“ (S. 130). Einfach auch um zu zeigen, Mutterschaft kann was erfüllendes sein, aber es gibt auch immer eine Frau mit ihren eigenen Träumen, von denen Mutterschaft vielleicht ein Traum ist, aber wo noch mehr dahintersteckt als nur das Mama-Dasein.
Das Buch stellt vor allem auch unbequeme Fragen: Warum werden Warnzeichen übersehen? Warum wird Gewalt gegen Frauen noch immer verharmlost, ästhetisiert, instrumentalisiert? Und wie viele Verluste kann ein Mensch eigentlich ertragen?
Fazit
"Da, wo ich dich sehen kann" ist definitiv kein leichtes Buch, aber ein notwendiges. Es fordert Empathie, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, hinzusehen. Für alle, die feministische Romane lesen wollen, die nichts für nebenbei oder zur Zerstreuung sind. Ein Jahreshighlight für mich und ein Buch, das lange nachhallt. Ich empfehle es sehr gerne weiter.
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☆☆☆☆☆
Eine mutige und talentierte Autorin
Claudia k. - Bewertet am 30.11.2025
Zustand: Gut
Meine Meinung:
Mit "Mariannengraben" verzauberte Jasmin Schreiber mich von der ersten bis zur letzten Seite mit einem entzückenden Schreibstil und einer Art von Charakteren zu erzählen, die einen bis ins Mark berühren können. Danach habe ich tatsächlich erst einmal nichts mehr von der deutschen… Autorin gelesen. Bis ich nun den Klappentext zu ihrem neuen Roman "Da wo ich dich sehen kann" gelesen habe und wusste, dieses Buch muss ich einfach lesen.
Jasmin Schreibers Schreibstil und ihre Talent mir einfach Worten ganze Bilder zu erschaffen, konnte mich auch dieses Mal aufs Neue einnehmen. Sie hat einen ganz sanften, doch klaren und modernen Stil, der sich einfach lesen lässt und dennoch niemals trivial wirkt. Und trotz des Lobes für das Können der Autorin und die eigentlich sowohl interessante, als auch emotional gestrickte Geschichte hatte ich an mancher Stelle meine Probleme mit der Geschichte.
Zwar versteht die Autorin ihr Handwerk und konstruiert dadurch eine Geschichte, die alles hat, was ein guter Roman benötigt und dennoch erreichte dieser und seine Charaktere emotional nicht ganz so, wie ich es mir gewünscht hätte.
Dennoch ein überaus lesenswerter Roman, mit Luft nach oben.
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☆☆☆☆☆
Ein Roman über das Zurückbleiben und die Zurückgebliebenen
Laura S. - Bewertet am 16.11.2025
Zustand: Exzellent
Ich kenne bisher alle Bücher von Jasmin Schreiber und habe mich umso mehr darauf gefreut, wieder etwas Neues von ihr zu lesen. Bei diesem Buch hatte ich aufgrund des Themas häusliche Gewalt und Femizid auch eine gehörige Portion Respekt vor dem Lesen.
Die schwangere Emma wird nach Jahren von… Unterdrückung und Gewalt von ihrem Ehemann getötet. Es bleiben die neunjährige Tochter Maja, die beste Freundin Liv und ihre Eltern Brigitte und Per in einem unbegreiflichen Zustand zwischen Wut, Trauer, Hilflosigkeit und Schuld zurück. Das Buch nimmt in die Zeit nach diesem unbegreiflichen Verlust mit. Dabei lernen wir beim Lesen aus den unterschiedlichen Perspektiven der Hinterbliebenen die Geschichte und das Weiterleben kennen. Das Unfassbare setzt sich nach und nach aus der Perspektive der Hinterbliebenen zusammen. Dass der Täter, Frank, in diesem Buch keinen Raum bekommt, fand ich eine unglaublich gute und wichtige Entscheidung.
Beim Schreibstil kam direkt etwas Vertrautes „Jasmin Schreiber“-haftes für mich auf. Nicht zuletzt auch dadurch, dass es in allen Büchern ein naturwissenschaftliches Thema gab, das sich durch das gesamte Buch gezogen hat. Hier war es die Astrophysik, denn die beste Freundin Liv ist Astrophysikerin und findet unter anderem über dieses Thema einen Zugang zu Maja. Ganz besonders und beeindruckend fand ich die Vielfalt der Erzählzugänge, so finden sich z.b. Kinderzeichnungen von Maja, Gerichtsdokumente, Briefwechsel, Obduktionsbericht, Zeitungsartikel über den Roman hinweg. Für mich hat das noch einmal deutlicher gemacht, wie real das Thema patriarchaler und häuslicher Gewalt und Femizide ist - auch wenn es eine fiktive Erzählung ist, sie könnte genau so passieren und passiert täglich so ähnlich. Und auch dieser Wechsel zwischen emotionalem und sachlichen Zugang, der all die brutalen Widersprüche irgendwie greifbar macht, war für mich sehr beeindrucken.
Das Buch hat mich emotional sehr mitgenommen. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal beim Lesen so viel geweint habe. Die Wut, die Hilflosigkeit, die Trauer, das Nichtwahrhaben-Wollen, die Selbstvorwürfe und Schulfragen – all das habe ich so sehr gefühlt und war nicht nur einmal beim Lesen an einem Punkt, an dem ich dachte, dass ich es nicht mehr aushalte. Insbesondere die Trauer, die Schuldgefühle, die Ängste und Panik aus Kinderperspektive sind für mich unglaublich treffend und gut gelungen. Auch die endlosen Fragen, was gewesen wäre, wenn sie in einer Situation anders reagiert hätten, werden aufgegriffen.
Mein erster Eindruck, dass das Buch sehr gut recherchiert ist, hat sich bestätigt, als Jasmin Schreiber auf einer Lesung von den Schreib-und Rechercheprozessen berichtet hat – vom Austausch mit einem Anwalt, Gerichtsmediziner, Astrophysikern, dem Recherchieren in Interviews aus Forschungsprojekten mit Kindern und Jugendlichen, die ähnliches wie Maja erlebt haben.
Ich habe durchaus einige Kritikpunkte, unter anderem ging mir das Ende zu schnell, zu gradlinig und abrupt. Da konnte das hohe Level an Emotionalität und Komplexität aus den vorigen 2/3 des Buches für mich nicht gehalten werden. Ich fand es gut, dass auf Hilfsangebote hingewiesen wird, mir war da im Gesamten der Fokus etwas sehr stark auf psychotherapeutischer Hilfe als einzig angemessene Form. Und am Ende werden Hilfsangebote bei häuslicher Gewalt benannt: Unglaublich wichtig und passend, aber da wieder in der binären Aufteilung „Hilfsangebote für Frauen – Männer“. Mir ist das bei Jasmin Schreibers Büchern leider immer mal wieder unangenehm aufgefallen, dass ein sehr binäres Verständnis von Geschlecht vertreten wird.
Im Gesamten hat mich dieses Buch auf jeden Fall sehr beeindruckt. Es scheint erst einmal ein Thema, bei dem Worte fehlen und umso wichtiger ist es, sich nicht davor zu verstecken, sondern auf die Suche zu gehen und das hat Jasmin Schreiber getan.
Ich denke immer mal wieder an einzelne Passagen zurück und bin mir sicher, dass es nicht das letzte Mal gewesen sein wird, dass ich dieses Buch gelesen habe. Vielen Dank für dieses unfassbar wichtige Buch!
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☆☆☆☆☆
Sensibler, herzzerreißender Roman über einen viel zu alltägl
Annegret H. - Bewertet am 28.10.2025
Zustand: Exzellent
Mit Feingefühl und Menschlichkeit erzählt Jasmin Schreiber in "Da, wo ich dich sehen kann" von den Menschen, die nach dem Femizid an Emma zurückbleiben und mit dem Unverständlichen versuchen zu leben. Im Mittelpunkt stehen Emmas kleine Tochter Maya, ihre beste Freundin Liv und ihre Eltern Brigitte… und Per, die alle auf ganz unterschiedliche Weise mit ihrem Tod zu kämpfen haben.
Extrem gut fand ich, dass die konkrete Tat nicht im Detail nacherzählt wird und auch der Täter, Emmas Mann Frank, so gut wie keinen Raum bekommt. Er wird ab und zu erwähnt, wenn es für die Handlung relevant ist, aber sonst spielen er, seine Gefühle oder Motive keine Rolle. Sowohl in der medialen Berichterstattung zu Femiziden als auch in Büchern, Filmen etc. ist das zu oft anders. Die Taten werden als "Familiendrama" bezeichnet, Täter erhalten mehr Aufmerksamkeit als ihre Opfer und zu oft werden gerade die Täter betont menschlich präsentiert, als wenn es irgendwelche Gründe gäbe, einen Mord zu relativieren. Das passiert hier überhaupt nicht. Die Autorin gibt den gesamten Raum den Menschen in Emmas Leben, die ihr wohlgesonnen waren und die nun mit dem Verlust und den damit verbundenen komplexen Gefühlen weiterleben müssen.
In einigen Rückblenden erleben wir zudem Emma. Auch dort kommt der Täter nur soweit nötig vor. Gleichzeitig gelingt es der Autorin aber, ein erschreckend genaues Bild einer toxischen Beziehung zu zeichnen, von dem großen Altersunterschied über Gaslighting und Isolation, bis die Gewalt immer weiter eskaliert und ihr Mann Emma ermordet. Das fühlt sich alles erschreckend lebensnah an, weil es leider Realität ist. Wie gut, dass Jasmin Schreiber so ein wichtiges und aktuelles Thema schriftstellerisch so hervorragend aufbereitet hat.
Der Roman ist sehr durchdacht gestaltet. Jedes Kapitel leitet neben dem Namen der Person auch eine Illustration einer Sternenkonstellation ein. Zudem gibt es immer mal wieder Zeichnungen von Maya sowie total herzzerbrechend drei Einschübe, in denen Per, Brigitte und Liv eine alternative Wirklichkeit vorstellen, in der sie zu Emma durchgedrungen sind und ihr helfen konnten. Diese Seiten sind in Schwarz mit weißem Text gestaltet und reißen optisch aus der erzählten Realität heraus. Das passt auch perfekt zu dem Motiv der parallelen Welten, das immer wieder aufgegriffen wird.
Ich habe den Fehler gemacht, das Buch zum Teil im Zug zu lesen. Aber na ja, öffentlich Heulen beim Lesen ist auch mal eine besondere Erfahrung. Wer sich für eine menschliche, feministische, empathische, nicht-voyeuristische Geschichte über die erschreckend alltägliche Gewalt an Frauen und deren Folgen interessiert, sollte "Da, wo ich dich sehen kann" unbedingt lesen.