Auf eine "amerikanische Religion" hat es Overkill-Spezialist Oliver Stone in seinem neuen Film abgesehen, und so verwundert es nicht, dass er seinen zweieinhalbstรผndigen Blick auf die Welt des Professional Football wie einen Gottesdienst auf Steroiden zelebriert: Ohne eine Sekunde Verschnaufpause jagt der Filmemacher den Zuschauer durch ein hรถllisches Sperrfeuer martialischer Bilder, die den brachialen Machosport auf der Leinwand zum kรถrperlich spรผrbaren Erlebnis machen. Doch die Geschichte hinter dem Spektakel kann es nicht mit der innovativen Prรคsentation aufnehmen. Anstatt den Mythos Football zu sezieren, analysieren oder gar zu demontieren, sitzt Stone nahezu allen sattsam bekannten Sportklischees auf.
Das soll nicht heissen, dass "Any Given Sunday" nicht auch hรถllisch aufregende Unterhaltung bietet, die selbst ein Football-ungeschultes Publikum mitreissen kann. Gerade die schier endlose Eingangssequenz, in der man das von dem in die Jahre gekommenen Coach Tony D'Amato trainierte Team der Miami Sharks erstmals in Aktion erlebt, ist elektrisierend. Ohne Vorwarnung schleudert Stone den Zuschauer mitten hinein in ein Footballspiel. Mit seinem seit "JFK" patentierten Cutup-Stil, in dem sich unentwegte Schnitte, verschiedene Filmgeschwindigkeiten und -materialien und drรถhnende Metalmusik assoziativ zu einem wild pulsierenden Ganzen formen, erlebt man hautnah mit, wie sich der Sport fรผr die Beteiligten anfรผhlt - ein modernes Entertainment-รquivalent von Krieg, ein von Macho-Ritualen, stรคndigen Konfrontationen und blitzschnellen Entscheidungen bestimmtes "Platoon", Spektakel und Kampfhandlung zugleich. Wรคhrend der ohrenbetรคubende Soundtrack bei dem beรคngstigenden Aufeinanderprall der gegnerischen Mannschaften immer wieder das Fauchen und Knurren von Lรถwen einstreut, sieht man D'Amato am Rand des Spielfelds auf- und abhetzen wie eine eingesperrte Raubkatze - und seine Truppen immer wieder aufs Neue in die Schlacht treiben. Weil gleich zwei Quarterbacks verletzt ausfallen, erhรคlt das Nachwuchstalent Will Beaman eine Chance. Aufstieg und Zรคhmung des unkonventionellen Sportlers, der sich Traditionen wie Teamgeist und Trainer-Anweisungen verschlieรt und ganz auf seinen Instinkt vertraut, verfolgt das aus drei Bรผchern destillierte Brot-und-Spiele-Drama ebenso wie das Ringen des Trainers um den Fortbestand seiner Mannschaft, der von den ewigen Verlockungen des Medienzirkus und der nur auf die Finanzen bedachte Teamprรคsidentin Christina Pagniacci bedroht ist. Deutlich ist D'Amato die Identifikationsfigur fรผr Stone, der sich selbst mit einer Rolle als Spielkommentator bedachte: ein Relikt der Sixties, das versucht, sich seine Ideale in einer Zeit zu bewahren, in der einzig Erfolg und Geld von Bedeutung sind. Dazu wirft Stone skizzenhafte, aber insgesamt doch sehr versรถhnliche Betrachtungen zu Rassismus, Medienausbeutung, Sex, Drogen und Sponsoren in den Mix. Aber auch wenn "Any Given Sunday" sich alle erdenkliche Mรผhe gibt, den Zuschauer pausenlos gleichzeitig von mehreren Seiten zu tacklen (wie es zwei Abwehrspieler in einer atemberaubenden Szene des Films mit einem Angreifer machen), kann das stรคndige Bombardement von Informationen nicht darรผber hinwegtรคuschen, dass hier nur wenig mehr erzรคhlt wird als in all den anderen Sportfilmen, die den phoenixartigen Aufstieg eines Underdogs zum Inhalt haben - eine Art "Die Indianer von Cleveland" mit Tourette-Syndrom, der sich vom aufgeblasenen Kasperletheater groรer Wrestling-Veranstaltungen inspirieren lรคsst. Berauscht vom eigenen Bildersturm, hรคmmert der Regisseur allzu einfรคltig seine Theorie unters Volk, Footballspieler seien die Gladiatoren unserer Zeit. Und dass Subtilitรคt Eintrittsverbot in Stones Bildersturm-Arena hat, beweist er nirgends mehr als in seiner Zeichnung der Frauenfiguren. Von Cameron Diaz als manipulative Gรถre รผber Ann-Margret als ihre daueralkoholisierte Mutter bis Lauren Holly als unnachgiebige Spielergattin-Furie ist das weibliche Geschlecht bestenfalls ein Klotz am Bein in der Mรคnnerwelt von Stone, in der vor allem Al Pacino als weltmรผder Trainer im "Heat"-Overdrive und Jamie Foxx als aufstrebender Superstar eine starke Figur machen. Dem amerikanischen Publikum jedenfalls gefรคllt das Spektakel รผber seinen Lieblingssport. Inwiefern Kinogรคnger ausserhalb der Staaten auf diesen nicht immer รผberzeugenden aber kurzweiligen Brocken Film reagieren werden, bleibt abzuwarten. ts.