Steve Antins Musical über den Aufstieg eines Revuegirls spielt seine Trümpfe überzeugend aus: das Filmdebüt Christina Aguileras und das Comeback Chers.
"Sag niemals Strip Club", weist Alan Cumming Provinzimport Ali (Christina Aguilera) beim Erstkontakt zurecht - und der Film damit auch für den Zuschauer verständlich jede Assoziation zu billigen Naturschauspielen von sich. Die Burlesque Lounge, die sich mit dem besten Ausblick am Sunset Boulevard brüstet, präsentiert sich als verstaubtes Revuetheater, in dem Showgirls in Pin-up-Outfits die Beine schwingen und zum Playback alter Standards "singen". Der Club hält es wie der Film: er will verführen und dabei unschuldig bleiben. In seiner zweiten Inszenierung feiert Drehbuchautor Steve Antin erotisches Entertainment, das seine Schwester Robin als Mitgründerin der Pussycat Dolls bereits zum Erfolg führte. Dabei korrespondiert "Burlesque" mehr mit "Coyote Ugly" als mit "Showgirls" und sieht die Showtruppe als große Familie, die Schutz vor dem Gift der großen Stadt bietet. Mutterfiguren sind Clubmitbesitzerin Tess (Cher) und ihr Bühnenmanager Sean (Stanley Tucci in seiner "Prada"-Rolle), Kristin Bell spielt ein zickiges Protegé, das Tess' Vertrauen ausnutzt, und Aguilera die neue, vom Skript fast heilig gesprochene Tochterfigur, die Tess an sie selbst erinnert. Bedroht wird diese Familie von einem smarten Playboy, der Tess' desolate finanzielle Lage ausnutzen, ihren Club kaufen und die unschuldige Ali von Kellner Jack loseisen will, der als Gentleman nicht schnellen Sex, sondern romantisches Glück verspricht.
Antins Drehbuch absolviert alle Etappen, die man sich von einem Showbiz-Märchen erwartet: Die Ankunft der Provinzblume in der Metropole, die Annäherung an den charmanten, anfangs noch vergebenen Prinzen, der Aufstieg zum Star, die Verführung durch Erfolg und schließlich das Happy End nach dem Erkennen der wahren und wichtigen Werte. "Burlesque" ist nur bedingt ein klassisches Musical, weil alle Nummern strikt an die Bühne gebunden sind und so spontaner Gesangsausbruch ausbleibt, aber in der Funktion des Plots als loser Rahmen für temperamentvolle Song- and Dance-Auftritte bleibt der Film der Tradition treu. Klar ist Aguilera ein bisschen zu alt und prominent für ein Ingenue, aber Kameramann Bojan Bazelli taucht sie, Cher und den Film in ein märchenhaftes Glamourlicht, während sich die Push-ups auf der Bühne duellieren, Cher zum ersten Mal seit "Good Times" (1967) vor der Kamera singt, Aguilera die Anforderungen ihrer Rolle als Darstellerin souverän und die als Sängerin brillant bewältigt. Ob man nun die Songs oder das Überdruckvokalisieren des Vier-Oktaven-Wunders Aguilera mag oder nicht - dank C & C gehört "Burlesque" unter den Musicals der letzten Jahre in die A-Klasse. kob.