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Ukraina ad portas. Ist die Ukraine europäisch genug für die EU?

Alexander Kratochvil (Broschiert, Deutsch)

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Beschreibung
Die Internationale wissenschaftliche Sommerschule „Greifswalder Ukrainicum“ feierte in ihrem Jubiläumsjahr nicht nur ihr zehnjähriges Bestehen, sondern auch eine Premiere, da sie mit überarbeitetem Konzept zum ersten Mal im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald veranstaltet wurde. Anknüpfend an die Tradition des bisherigen Greifswalder Ukrainicums richtete sie sich auch im Jahr 2005 an Akademiker und Nachwuchswissenschaftler aller historischen, gesellschaftswissenschaftlichen und philologischen Disziplinen. Dank der großzügigen Förderung durch die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung konnte das Greifswalder Ukrainicum in vielen Teilen neu konzipiert werden und präsentiert sich nun als ein internationales Forum der ukrainistischen Forschung und des wissenschaftlichen Austausches, auf dem jährlich im September jeweils zehn Tage lang in Vorträgen, Seminaren und Arbeitsgruppen aktuelle Fragen der ukrainischen Geschichte, Politik, Gesellschaft, Sprache, Literatur und des Rechts behandelt werden. Die Vorträge, Seminare und Arbeitsgruppen sind in jedem Jahr durch ein gemeinsames Thema verknüpft, welches besondere gesellschaftspolitische wie auch kulturelle Relevanz für Ostmittel- und Osteuropa besitzt, 2005 lautete das Thema: „Ukraina ad portas – Ist die Ukraine europäisch genug für die EU?“ Diesem Thema näherten sich renommierte Wissenschaftler verschiedener Disziplinen aus dem In- und Ausland, darunter George Grabowicz von der Harvard University oder Jevhenija Karpylovs’ka von der Linguistischen Abteilung der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften in Kyjiv. Die Ausführungen der Teilnehmer wurden als Vorträge oder Kurzreferate in Podiumsdiskussion präsentiert und verdeutlichten die verschiedenen, zum Teil auch gegenläufigen Aspekte des Themas „Ukraina ad portas“, so zum Beispiel die Beiträge zur gegenwärtigen Sprachsituation in der Ukraine von Valerij Mokienko und Aleksandr Petrenko. Neben den linguistischen Fragestellungen wurde im literaturwissenschaftlichen Teil die europäische Dimension der ukrainischen Literatur, die besonders prägnant in der Dissidenten- und Exilliteratur zum Ausdruck kommt (der sich die Vorträge von Anna-Halja Horbatsch, Rolf Göbner und Oksana Frankwicz widmeten), und ihrer Rezeption angesprochen, während sich die Historiker unter anderem in einer Podiumsdiskussion auf die ukrainische „Wahl für Europa“ – wie der Vortrag von Gerhard Simon treffend überschrieben war – konzentrierten oder in Einzelvorträgen die ukrainische Gedächtniskultur anhand von Poltava (Guido Hausmann) oder der Selbstdarstellung ukrainischer Geschichte und Konstruktion ukrainischer nationaler Identität(en) (Frank Golczewski) thematisierten. Einen besonderen Höhepunkt stellte die lebhafte Diskussionsrunde mit Journalisten überregionaler Tageszeitungen (Die Welt, Süddeutsche Zeitung, die tageszeitung), der ukrainischen Journalistin und Schriftstellerin Natal’ka Snjadanko (Lemberger Zeitung) und den Ukrainicumsteilnehmern unter der Moderation von Peter Hilkes vom „forum- Net.ukraine“ dar. Die Vorträge von Felix Rackwitz und Christian Gackenheimer vermittelten einen Einblick in das ukrainische Rechtssystem. Als vergnügliche Wissenschaft präsentierte Oksana Havryliv die Ukrainistik, indem sie höchst unterhaltsam ihr „Deutsch-Ukranisches Schimpfwörterbuch“ vorstellte. Die europäische Dimension der ukrainischen Kultur wurde an den A- benden besonders sinnfällig in Foren zur Literatur (Tymofij Havryliv, Serhij Žadan, Natal’ka Snjadanko), zum Film und zur Musik, die breiten Zuspruch von den Ukrainicumsteilnehmern und Greifswalder Bürgern erhielten. In dem vorliegenden Band wurden die meisten Beiträge des diesjährigen Ukrainicums aufgenommen, die als Referate gehalten wurden. Als roter Faden zieht sich dabei durch alle Beiträge das Interesse an der europäischen Perspektive der Ukraine. Den Auftakt bildet der Beitrag von Gerhard Simon, der – ohne sich in den Fallstricken schnell veraltender tagespolitischer Details zu verfangen – die wesentlichen Stationen der politischen Entwicklung nach der Orangenen Revolution nachzeichnet und auf die entscheidenden Umstände hinweist, die auch die künftige politische Entwicklung beeinflussen werden. Den im Großen und Ganzen positiven Tenor von Simons Studie teilt Natal’ka Snjadanko nicht, die sich in ihrem Beitrag mit den Folgen der Orangenen Revolution für die Kultur und den intellektuellen Diskurs beschäftigt. Die Autorin sieht hier noch einen großen Abstand, der die Ukrainer von einem europäischen Selbstverständnis als Ukrainer trennt. Auf die künftige Entwicklung der Ukraine hat zweifellos auch die „Erzählung“ von der eigenen Geschichte und die „Geschichten“ der Nachbarn über die Ukraine wichtigen Einfluss und so spürt Frank Golczewski dem Konstruktionsprozess nationaler Geschichte anhand von – wie er selbst sagt - 3½ Beispielen aus der ukrainischen Geschichte nach. Auch die Geschichte Kiews könnte als ein Beispiel der nationalen „Wiedererfindung“, wie es im Beitrag von Guido Hausmann heisst, dienen; in dem eher enzyklopädisch ausgerichteten Beitrag wird eine ausgewogene „faktographische Konstruktion“ der Kiewer Statdgeschichte präsentiert, die die polyethnische Geschichte dieser Stadt aus den nationalen Stereotypen löst, wozu nicht zuletzt auch die vielschichtige Bibliographie beiträgt. Der Konstruktionsprozess nationaler Klischees wird anschließend in dem vielleicht bedeutendsten Bühnenstück von Mykola Kuliš „Myna Mazajlo“ im Beitrag von Nina Kavunenko untersucht. Ein „europäisches Verständnis des Ukrainertums“ findet sich zweifellos im literarischen Werk des wohl bekanntesten ukrainischen Gegenwartsautors Jurij Andruchovyc, dem Tymofij Havryliv, selbst bedeutender ukrainischer Schriftsteller, in seiner Studie nachgeht und den literarischen Karneval, eines der sinnfälligsten Merkmale der ukrainischen Literatur der ersten Hälfte der 1990er Jahre beleuchtet. Auf eine ganz andere Art und Weise europäisch stellt sich Serhij Žadan, ein weiterer bekannter ukrainischer Gegenwartsautor, in seinem Werk dar, dessen lyrischer Teil Gegenstand der „impressionistischen“ Beobachtungen von Oleksander Myhed ist. Eine weitere europäische Dimension eröffnet sich in der Studie von Oksana Frankewicz zur ukrainischen Dissidentenbewegung und zum „Samvydav“. Neben den Arbeiten von Anna-Halja Horbatsch kann diese Untersuchung für den deutschsprachigen Raum als grundlegend gelten. Nach einem allgemeinen Überblick zur ukrainischen Sprache von Valerij Mokienko widmet sich Aleksandr Petrenko den Besonderheiten der Sprachsituation im Osten der Ukraine und auf der Krim. Jevhenija Karpylovs’ka verdeutlicht in ihrem Beitrag anhand der computergestützten Lexikographie die Impulse, welche die ukrainische Linguistik seit der Öffnung der Ukraine durch Europa erhielt. Oksana Havryliv präsentierte während des Ukrainicums das erste „Deutsch-Ukrainische Schimpfwörterbuch“, dessen theoretische Voraussetzungen sie in diesem Band darlegt. Den Band beschließt Christian Gackenheimers grundlegende Analyse der ukrainischen Verfassung und der Bürgerrechte in der Ukraine. Ihnen kommt gerade in einer politisch noch nicht völlig stabilisierten Region, aber auch im Hinblick auf die europäische Integration große Bedeutung zu. Das Motto des X. Ukrainicums lautete „Ukraina ad portas. Ist die Ukraine europäisch genug für die EU?“ und die Vorträge und Diskussionen verdeutlichten, dass die Ukraine in ihrer kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung, im Gegensatz etwa zu Russland, die lange Tradition ihrer europäischen Verwurzelung pflegt und weiter festigt und in dieser Hinsicht keinesfalls „vor den Toren Europas“ steht, sondern sich mitten in Europa befindet. Ob sie europäisch genug für die EU ist, stellt sich v.a. auch als Frage von Struktureformen in Verwaltung und Wirtschaft - und damit hat gegenwärtig nicht nur die Ukraine Probleme.
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Technische Daten


Erscheinungsdatum
01.08.2006
Sprache
Deutsch
EAN
9783832252892
Herausgeber
Shaker
Serien- oder Bandtitel
Greifswalder Ukrainistische Hefte
Sonderedition
Nein
Autor
Alexander Kratochvil
Seitenanzahl
238
Auflage
1
Einbandart
Broschiert
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