Danny Boyles erster Film seit seinem Oscar-Triumph "Slumdog Millionรคr" erzรคhlt in einer erneuten Explosion aus Bewegung, Farben und Bildern von einer erschรผtternden Grenzerfahrung.
Im April 2003 war der Extremsportler Aron Ralston losgezogen, um im Alleingang den Blue John Canyon in Colorado zu bezwingen. Beim Klettern rutschte er auf einem losen Fels aus und stรผrzte in eine Spalte, wo sein rechter Unterarm von dem Fels eingequetscht wurde. 127 Stunden steckte er fest. Mit Hilfe eines stumpfen Taschenmessers gelang es ihm am fรผnften Tag seiner einsamen Gefangenschaft, den Arm abzutrennen und sich zu retten. Der Stoff ist wie geschaffen fรผr Danny Boyle, wie "The Beach", "28 Days Later" oder "Sunshine" erzรคhlt er eine Geschichte, in der der Held in einer extremen Situation gezwungen ist, sein tiefstes Inneres zu konfrontieren - es geht um den einen Moment der absoluten Klarheit, in dem Nebensรคchliches ausgeblendet und sich der wahre Charakter offenbart.
Schon vor Beginn der Dreharbeiten hatte Boyle angekรผndigt, die Geschichte als "Actionfilm, in dem sich der Held nicht bewegen kann" umzusetzen. Er hat sein Versprechen gehalten: Obwohl es sich weitgehend zwangsweise um eine One-Man-Show von James Franco in der Rolle Ralstons handelt, ist "127 Hours" nicht weniger eine regelrechte Explosion an Bildern und Farben, wie es bereits "Slumdog Millionรคr" gewesen war. Was letztendlich auf eine impressionistische Studie der Tortur Ralstons hinauslรคuft, realisiert Boyle als rastlosen Wettlauf mit der Zeit, in dem die Digitalkameras seiner Mitstreiter Anthony Dod Mantle und Enrique Chediak keine Sekunde ruhig halten.
In einem rasenden Intro wird Ralston bei seinen Vorbereitungen fรผr den Ausflug gezeigt, wie er seine Sachen packt, zunรคchst mit dem Jeep und schlieรlich dem Mountainbike in die Einsamkeit der Canyons von Utah fรคhrt. Schnell ist Ralston als positiver Irrer charakterisiert, voller Energie, immer in Bewegung, immer hyperaktiv - was letztlich der Grund ist, warum er sein Martyrium รผberleben kann. Er trifft zwei attraktive Hikerinnen, gespielt von Kate Mara und Amber Tamblyn, zeigt ihnen den unkonventionellen Weg in einen See in einer Hรถhle. Und zieht dann alleine weiter, wo ihm sein folgenschweres Missgeschick passiert. Das Energielevel der rasanten Anfangsszenen, die oft so viele visuelle Informationen bereithalten, dass der Film sich fรถrmlich in mehrfache Splitscreens aufteilt, hรคlt Boyle nun auch in den Szenen in der Felsspalte, die die Hauptfigur zusรคtzlich selbst mit Hilfe einer Videokamera dokumentiert und kommentiert. Minuziรถs zeichnet der Film Ralstons Rettungsversuche auf, beschreibt seinen Kampf mit Hunger, Durst und Kรคlte, seine zunehmende Desorientierung, die sich in Visionen und Erinnerungen ausdrรผckt.
Schlieรlich kommt es zu der Szene, die in Telluride und Toronto mehrere Menschen im Publikum ohnmรคchtig werden lieร: Die entscheidenden Momente auf dem Weg zur Freiheit inszeniert Boyle, ohne die Kameras von dem blutigen Geschehen abzuwenden: Jede durchtrennte Sehne, jeder abgeschnittene Nerv geht dem Zuschauer an die Nieren - ohne jemals die Grenze des Zumutbaren zu รผberschreiten: Zu diesem Zeitpunkt ist der Akt der Selbstamputation der letzte Ausweg aus einer ausweglosen Situation, das hat der Film zuvor รผberdeutlich klar gemacht. Entsprechend ist es ein ekstatischer Moment, als Ralson endlich der Enge des Canyons entfliehen kann, ein Triumph, der das Publikum im Kontext dieses รผberbordenden und doch so sensiblen Films in ein Hochgefรผhl versetzt, als wรคre man selbst dabei gewesen.
James Franco ist รผberragend in einer Rolle, in der er รผber weite Strecken nur sein Gesicht einsetzen kann. Sein Spiel ist einnehmend und frei von den Manierismen, die sich bei ihm gerne einschleichen. Er kann sich auch auf einen Regisseur verlassen, der auf der Hรถhe seines Kรถnnens arbeitet und definiert, wie aufregend, mitreiรend und intelligent modernes Mainstreamkino sein kann. ts.
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