Eine Achterbahnfahrt der Gefühle über den Dächern von Tokio. Gaspar Noé lädt in seinem Mix aus Liebes- und Experimentalfilm zu einem cineastischen Drogentrip.
Eine andere Karte der Klänge von Tokio, eine bildbestimmte, neongleißende, in Szene gesetzt vom Franzosen Gaspar Noé, dem Provokateur des Arthouse-Kinos. "Enter the Void" heißt es sieben Jahre nach seinem Skandalfilm "Irreversible". Auf Stars hat der in Argentinien geborene Skandal-Regisseur diesmal verzichtet und auch auf vordergründige Schockmomente. Dennoch ist er sich treu geblieben, beschäftigt er sich doch wieder mit der Gnadenlosigkeit des Schicksals, der Konfrontation des Menschen mit der eigenen Sterblichkeit. Das Jenseits erforscht er mit dem radikal subjektiven Blick seines Helden, die titelgebende "Leere", nach der auch eine Bar im Film heißt.
Als Dealer schlägt sich Oscar in der japanischen Metropole durch, seine Schwester Linda arbeitet als Stripperin. Früh haben die beiden ihre Eltern bei einem Autounfall verloren, damals haben sie sich geschworen, einander nie zu verlassen. Da gerät Oscar in eine Razzia, wird auf einer schmuddeligen Toilette erschossen. Er haucht sein Leben aus. Die Seele verlässt seinen Körper - gottgleich schwebt er jetzt über den Dingen und Noé kann so Vergangenheit und Gegenwart spielerisch leicht miteinander in Verbindung bringen. Von oben betrachtet Oscar Tokio nun, dringt in Gedanken ein, darf sogar mit der eigenen Schwester schlafen. "Come inside me" haucht sie ihm ins Ohr und Oscar erlebt seine eigene Wiedergeburt.
Wie ein überlanger Drogentrip mutet die Arbeit an, ein radikaler Mix aus Experimental- und Liebesfilm. Nachtschwarz, flimmernd, unscharf sind die Bilder, triste Hinterzimmer, Tanzschuppen, Bars, Discos und ein Love Hotel die Schauplätze. Der Zuschauer ist das Alter Ego von Oscar, mit ihm taumelt er durch die Nacht. Die Sonne gibt es kaum zu sehen. Von der Tonspur dröhnen die Bässe, treiben einem förmlich das Blut durch die Adern. Es geht scheinbar um nichts mehr als das bloße Überleben. Linda fürchtet sich vor dem Tod. Ihr Bruder tröstet sie: "Wir werden nie sterben". "Aber wir sind doch sterblich" antwortet sie. Bleibt die Frage ob das Leben in einer Welt ohne Perspektive überhaupt noch lohnt.
Radikal auf allen Ebenen ist dieser Film, kompromisslos, visionär, packend. Nur David Lynch schafft ähnliche cineastische (Alb-)Träume - minus die Computeranimationen, die die Surrealität dieses Werks zusätzlich verstärken. Eine 145 Minuten lange Reise durch die Nacht gilt es hier zu durchstehen. Nicht jedermanns Sache. Doch wer sich darauf einlässt, erlebt hier (Gefühls-)Kino von einem anderen Stern - ästhetisch, konzeptionell und inhaltlich. geh.
Hersteller: AL!VE AG, Von-Hünefeld-Str. 2, Köln, 50829, kontakt@alive-ag.de