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Die Erfindung der Zukunft war (auch) weiblich

Detlef Münch (Broschiert, Deutsch)

Optischer Zustand
Beschreibung
„Frauen werden wissenschaftlicher Bildung prinzipiell ferngehalten.“ urteilte Bertha von Suttner 1889 in ihrer Utopie „Zukunftsvorlesungen über unsere Zeit“ und gab damit zugleich die Erklärung, warum so wenige Frauen im 19. Jahrhundert Science Fiction geschrieben haben bzw. schreiben konnten. Erstmals wird nun der Beitrag von 28 Frauen zur frühen deutschsprachigen Science Fiction 1871 - 1915…  untersucht. Herausragende Vertreterin ist dabei die spätere Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner (1843 - 1914), die sogar Kurd Laßwitz, den „Vater der deutschen Science Fiction“, thematisch inspirierte und ihn später dazu motivierte, seine verstreuten SF-Erzählungen 1890 in dem Novellenband „Seifenblasen“, eine der ersten deutschen SF-Story-Sammlungen überhaupt, zusammenzufassen. Von 1879 - 1911 reüssierte sie selbst mit 3 bedeutenden utopischen Romanen und mehreren SF-Kurzgeschichten um einen „Zeiterweiterungsapparat“ oder ein „Mikrochronoskop“, einem „Minutenvergrößerungs-Apparat“, mit dem sie schon ein Raum-Zeit-Phänomen antizipiert, das erst sehr viel später von Laßwitz (1887) und H. G. Wells (1901) literarisch behandelt wurde und so einen frühen Höhepunkt dieser neuen Gattung kreierte. Für die anderen heute weitgehend unbekannten oder anonymen Autorinnen war hingegen ausschließlich die kurze Novelle die von ihnen präferierte Form der Science Fiction, zu der sie dann auch jeweils nur 1 bis 2 Beiträge verfassten. Die besten dieser feministischen oder sogar antifeministischen Utopien und Dystopien beeindrucken durch die technische Komplexität der Frauenwelten oft in Laßwitz´scher Art sowie die Antizipation einer fernen Zukunft u.a im Jahr 2500 (Therese Haupt, 1899) oder eines fremden Planeten wie dem Mars (E. Tanne, 1910). Auch dürfte es mit Franziska Kapff-Essenther (1849 - 1899) eine Frau gewesen sein, die 1884 als erste Retortenbabys und eine funktional geklonte Menschheit in die deutsche Literatur eingeführt hat und damit den meisten damaligen männlichen Schriftstellerkollegen mit ihren eher eindimensionalen utopischen Novellen weit voraus war. So ist das „Problem“ der damaligen Zeit, die „Frauenfrage“, in der Zukunft gelöst: Es gibt keine Frauen mehr, nur noch geklonte Männer. L. Falb antizipierte 1890 gar, dass der künftige männliche „Universalmensch“, von sich Automaten-Kopien anfertigen lassen wird, die dann für ihn u.a. die Konversation oder das Tanzen mit Frauen übernehmen können. In dem SF-Lustspiel der Lehrerin Anna Klie 1896 ist der letzte männliche Lehrer einer Mädchenschule im Jahr 1975 ausgestorben und wird als „Mumie im vaterländischen Museum“ ausgestellt, während im Jahr 2000 die Schuldirektorin „Fräulein Professor Dr. Aurora“ und das Lehrerinnenkollegium sich lieber ihren wissenschaftlichen Studien widmen und den ungeliebten Unterricht neuartigen anthropomorphen „Bildungsautomaten“ überlassen, die nicht nur die Lerninhalte repetieren, sondern auch Prügel verteilen. Auch in dem SF-Lustspiel „Der Zukunftshaushalt“ (1915) von K. Bedall erweist sich die weibliche Erfinderin letztendlich als unfähig, ihre (bis heute) neuartigen Haushaltsroboter zu bedienen und verursacht ein Chaos. Dystopisch erscheint heute jedoch ihre Vision, dass zukünftig schon Kleinkinder von Robotern betreut werden. Die Mathematikerin Marie Vaerting, übertraf in „Die zukünftige Welt“ mit ihrer durch die Kraft eines neuentdeckten „Germenstroms“ möglich gewordenen Technikgigantomanie, in der der Südpol verschoben wird, die Meere ausgetrocknet werden, der Mond zum Absturz in den Stillen Ozean gesteuert werden soll und man „am Strome eines drahtlosen Telegraphen“ in 2 Stunden den Atlantik überqueren kann, spätere SF-Romane ihrer männlichen Kollegen, die 1913 lediglich den Golfstrom umleiteten oder einen Eisenbahn-Unterseetunnel von New York nach Europa bauten, um ein Vielfaches an technikvisionärer Kraft. Auch entwarf sie schon 1908 die Programmatik künftiger „Space Operas“, jongliert mit Planeten wie mit Glaskugeln, will andere bewohnte Planeten in die Sonne stürzen und die Erde gemeinsam mit England in die Mitte der Fixsternwelt „germenisieren“, um sie zum Mittelpunkt eines germanischen Universums zu machen. Denn: „Wenn wir gegen Sterne kämpfen wollen, so müssen wir auf Erden einig sein.“ Das als „Aeronautikjahr“ apostrophierte Jahr 1909 hat dann auch weibliche Autorinnen inspiriert, sich mit dem Flugverkehr der Zukunft zu befassen, was sie dann ausschließlich humoristisch und eher technikpessimistisch taten. Zudem galt für die frühe feministische SF, dass die Frauenwelt der Zukunft stets eine Welt des Friedens war und oft sogar aus den Ruinen der von Männern geführten Kriege entstanden ist. So wollte auch die beliebte Mädchenbuchautorin Magda Trott (1880 - 1945) schon im Januar 1914 – recht prophetisch nach Beendigung eines fiktiven Weltkriegs durch deutsche Wunderwaffen – einen „Frauenstaat“ in der Lüneburger Heide errichten. Trotzdem haben auch Frauen wie Thea von Harbou oder P. Berendt um 1913 patriotische Kriegsutopien geschrieben, die mit Tarnkappenbombern, Radium- und Elektrowaffen oftmals zukunftstechnisch sogar innovativer waren, als diejenigen der meisten männlichen Autoren dieser Zeit.
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Technische Daten


Erscheinungsdatum
12.09.2026
Sprache
Deutsch
EAN
9783910234673
Herausgeber
synergenVerlag
Serien- oder Bandtitel
Deutsche Zukunftsvisionen vor 100 Jahren
Sonderedition
Nein
Autor
Detlef Münch
Seitenanzahl
216
Auflage
1
Einbandart
Broschiert

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