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☆☆☆☆☆
Was die Ahnen hinterlassen
Mirjan S. - Bewertet am 30.03.2026
Zustand: Exzellent
„Er war nicht nur auf der Suche nach seinen Wurzeln, wollte nicht nur Verantwortung übernehmen für die Vergangenheit. Nein, er war gefahren, weil er der Sohn seines Vaters war. Weil das Land und sein Volk dort immer nach ihm rufen würden, ganz gleich, wo in der Welt er sich befand." (S. 227–228)… „Die Stimmen der Nacht" von Tochi Eze ist am 30.03.2026 beim Pfaueninsel Verlag erschienen (352 Seiten), übersetzt aus dem Englischen von Agnes Krup.
Worum geht's?
Lagos, 1960er Jahre. In einer Stadt voller Aufbruchsstimmung nach der Unabhängigkeit lernen die selbstbewusste Margaret und der in Großbritannien geborene Benjamin einander kennen. Er auf der Suche nach seinen nigerianischen Wurzeln, sie mit einem Geheimnis, das größer ist als sie selbst. Als Jahrzehnte später ihr gemeinsamer Enkel beginnt, Zeichen zu zeigen, die Margaret aus ihrer eigenen Vergangenheit kennt, müssen beide sich Fragen stellen, die sie längst hinter sich gelassen glaubten. Der Roman spannt einen Bogen von einem kleinen Dorf in Igboland um 1905 über das Lagos der Sechziger bis ins Atlanta des Jahres 2005.
Meine Meinung
Was diesen Roman von Beginn an auszeichnet, ist die thematische Dichte: Schuld und ihre Weitergabe über Generationen, Glaube und Fluch, psychische Erkrankung zwischen spiritueller Deutung und medizinischer Diagnose, Kolonialismus als anhaltende Wunde, Identität in der Diaspora, die Frage, wessen Erklärung für Leid gilt und wessen Heilung legitim ist. Margaret leidet unter dem, was die Moderne Schizophrenie nennen würde, was in ihrer Herkunftsgemeinschaft als Fluch gedeutet wird. Die Autorin lotet alle Möglichkeitsräume dazwischen aus, ohne eine Seite zu privilegieren. Das ist wirklich schlau gemacht und respektvoll zugleich.
Was mich am Anfang gefordert hat waren die vielen Figuren, zwischen denen ich mich ich erst orientieren musste. Ein Glossar oder eine Figurenübersicht wäre hier eine echte Hilfe gewesen.
Eine Stelle möchte ich explizit ansprechen: Das N-Wort wird im Text ausgeschrieben (S. 10). Ich verstehe, dass es in einem historischen Kontext steht; aber die Frage, ob eine Übersetzung ins Deutsche dieses Wort 1:1 übernehmen muss oder ob es sensiblere Lösungen gäbe, ist berechtigt. Ich hätte mir da jedenfalls einen Hinweis im Buch gewünscht und war etwas schockiert.
Was dem Roman bleibt, ist eine Stärke, die über die Einzelkritik hinausgeht: Er erzählt von Frauen, die in einer patriarchalischen Welt bestehen mit einer stillen Unnachgiebigkeit, die sich ins Gedächtnis brennt.
Fazit
„Die Stimmen der Nacht" ist ein anspruchsvolles Debüt, das seinen Lesenden einiges abverlangt aber definitiv was zurückgibt, wenn man sich darauf einlässt. Empfehlung für alle, die literarische Unterhaltung mit Tiefgang suchen, sich für nigerianische Geschichte und Igbo-Kultur interessieren und Romane mögen, die über Generationen hinweg denken. Wer einen leicht zugänglichen Einstieg erwartet, sollte etwas Geduld mitbringen.
Herzlichen Dank an Lovelybooks für das Rezensionsexemplar!