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Zeichen der Orientierungslosigkeit
Fritz G. - Bewertet am 31.12.2025
Zustand: Exzellent
Das Buch „Tatau und Tattoo: Eine Epigraphik der Identitätskonstruktion“ von Wolf-Peter Kächelen (erschienen 2004 im Shaker Verlag) ist eine sozialwissenschaftliche Studie zum Phänomen der Tätowierung. Es unterscheidet zwischen „Tatau“ (der traditionellen, rituellen Tätowierung in polynesischen… Kulturen, z. B. in Samoa) und „Tattoo“ (der modernen, westlichen Form der Körperverzierung). Der Autor analysiert den Boom der Tätowierungen in der westlichen Gesellschaft seit den 1990er Jahren als Symptom einer tiefgreifenden Krise der Identität und Orientierung der postmodernen Gesellschaften. Kächelen argumentiert, dass der Verlust traditioneller Gewissheiten der abendländischen Kultur (z. B. durch Säkularisierung und Individualisierung) zu einer kollektiven und individuellen Orientierungslosigkeit führt. Tätowierungen dienen dabei als eine Art „Epigraphik“ – als Inschriften auf der Haut –, mit denen Menschen versuchen, sich eine stabile Identität zu schaffen oder zu markieren, wenn feste archimedische Punkte (verbindliche Werte und Grundannahmen) fehlen. Im Gegensatz zu medizinischen, psychiatrischen oder kriminologischen Ansätzen beleuchtet das Buch das Thema aus soziologischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive. Der Autor hat später eine Rückschau verfasst („Tatau and Tattoo Revisited“), in der er die Thesen als weiterhin aktuell beschreibt und den Tätowierungsboom sogar als Vorzeichen gesellschaftlicher Krisen sieht. Es handelt sich um eine akademische Arbeit, die den modernen Tattoo-Trend als Ausdruck von Identitätssuche in einer orientierungslosen Gesellschaft erklärt.