Das Warten auf "Zettl" hat sich gelohnt: Mit seiner hinterfotzigen Hauptstadtkomรถdie zeigt sich Helmut Dietl in Bestform.
Lange musste er reifen, Helmut Dietls Hauptstadtfilm. So lange, dass der Macher selbst lรคngst wieder nach Mรผnchen zurรผckgekehrt ist - wie es im Verlauf seines Films auch die letzten verbliebenen aufrechten Figuren tun werden, um die kaputten Protagonisten bei ihrer Selbstzerfleischung sich selbst zu รผberlassen. Eine bitterbรถse und gallige Abrechnung ist es geworden, mit dem Berliner Politzirkus, der in Dietls Film so verdorben, eitel und kaputt ist, dass einem das Lachen immer wieder im Halse stecken bleibt.
Alle spinnen hier ihre Intrigen, sind immer nur auf den eigenen Vorteil und ein kleines bisschen mehr Macht bedacht in diesem Schreckenskabinett: die Bรผrgermeisterin von Berlin, die tatsรคchlich ein Mann ist; der stets dem Kollaps nahe Bundeskanzler, der bei seiner Mรคtresse immer nur in einen Koma-artigen Tiefschlaf fรคllt; der Ministerprรคsident, der die Dominosteine immer mit dem richtigen Drall anzustoรen versucht; der Schweizer Milliardรคr, der in Berlin mitspielen will und deshalb das Societymagazin "The New Berliner" aus dem Boden stampft; und schlieรlich auch der Titelheld Zettl, ehedem Chauffeur des verstorbenen Baby Schimmerlos, der hoch hinaus will, aber feststellen muss, dass andere das Intrigenspiel vielleicht doch noch besser beherrschen.
Wer am lรคngsten lรผgt, der gewinnt hier in diesem grotesken, aberwitzigen Komรถdienstadl, den Dietl als virtuoser Marionettenspieler mit regelrecht greifbarem Furor ausreizt. Richtig Spaร macht das erst im letzten Drittel, wenn die jeweiligen Intrigen sich gegenseitig aufzufressen beginnen und die Figuren gezwungen sind, reinen Tisch zu machen. Davor sieht man fasziniert und ein bisschen entsetzt zu, wie Gift und Galle gespritzt wird. Die brillanten Dialoge sind die deutsche Antwort auf die Wortgefechte eines David Mamet, und die geniale Darstellerriege, allen voran Bully Herbig ganz im Geiste eines Franz Xaver Kroetz, die sich in den Dienst dieser Berliner Geschichten - eine wahrhaft unerbittliche Horrorvision - stellt, labt sich daran.
Das gesprochene Wort, es ist der einzige Rettungsanker in diesem virtuos orchestrierten und kompromisslos durchexerzierten Endspiel, das die Medienwelt eines "Late Show", die Filmbranche eines "Rossini" oder die Bussigesellschaft von "Kir Royal", die Dietl vormals so treffsicher seziert hat, harmlos erscheinen lรคsst. "Vom Suchen und Finden der Liebe" hieร Helmut Dietls letzte Kinoarbeit. Davon ist nichts รผbrig in dieser verheerenden Satire, die eine Fortsetzung von "Kir Royal" ist, aber vor allem wirkt, als hรคtte man "Die 120 Tage von Sodom" als Politsatire noch einmal neu gedreht.
ts.