Nach dem vielgelobten "Out of Sight" (1998) mit George Clooney hängte Latina-Diva Jennifer Lopez ("Selena") die Schauspielerei vorübergehend an den Nagel, um sich ihren Traum von einer Gesangskarriere zu erfüllen. Im Gegensatz zu den meisten ihrer Kollegen, die vom Musikbiz-Virus befallen werden, konnte sie auch tatsächlich eine Hit-CD landen. Nun meldet sich La Lopez als waschechter Star mit dem von surrealen Effekten durchtränkten Serienkiller-Thriller "The Cell" auf Platz eins der US-Charts zurück. Das Regiedebüt von Singh Tarsem weist mit seiner drastischen Gewaltdarstellung und seinem düster-melancholischen Ambiente deutliche Parallelen zu David Finchers Deprischocker "Sieben" auf.
Wie bei Fincher handelt es sich bei Newcomer Tarsem um einen anerkannten Musikclip- und Werbefilmer, der es versteht faszinierende Bildkompositionen zu kreieren. Die Eröffnungsszene zeigt Lopez im spektakulären weißen Federkostüm beim Ritt durch eine weitläufige Wüstenlandschaft, die einem zum Leben erweckten Dali-Gemälde gleicht. Inmitten dieser Einöde trifft sie auf einen Jungen, der auf sie gewartet hat. Nach einem abrupten Schockmoment sieht man beide in einem Labor, in muskelfleischroten Ganzkörperanzügen hängend, und erfährt, dass es sich um Psychologin Catherine und ihren Komapatienten Edward handelt. Eine neue experimentelle Therapie erlaubt es ihr, mit dem Unterbewusstsein ihres Patienten zu interagieren. Als FBI-Agent Peter Novak ("Vergessene Welt"-Dinojäger Vince Vaughn) Catherines Hilfe erbittet, sich in das extrem verrückte Bewusstsein des komatösen Serienmörders Carl Stargher (Vincent D'Onofrio spitze als Psychopath) zu begeben, ist sie zunächst zögerlich. Doch es gilt den Standort von Starghers gläserner Folterzelle, die wie ein voll automatisiertes Mordaquarium funktioniert, in Erfahrung zu bringen, da seinem letzten Opfer nur noch ein paar Stunden vor dessen sicheren Tod durch Ertrinken verbleiben. Catherine taucht in Carls extrem verzerrte Gedankenwelt ein, in der sie ihn als misshandelten Jungen kennenlernt und in Folge auf seine zunehmend dämonischeren Inkarnationen trifft. Seine Opfer sind in seinem persönlichen Schreckenskabinett als mechanisierte Sexpuppen aufgereiht, und Carl macht Anstalten, Catherine ebenfalls an den (Fetisch-)Kragen zu gehen.
Die reelle Gefahr besteht in erster Linie für die sporadisch eingeblendete Zelleninsassin, doch auch Catherine könnte verletzt werden, sobald sie beginnt, die Grenzen zwischen Realität und Bewusstsein verschwimmen zu lassen. Lopez besticht vor allem mit optischen Reizen, während der Rest der formidablen Besetzung Farbtupfer und Charakter beisteuert. Das innovative Produktionsdesign und die exaltierten Kostüme tragen zur Illusion einer hypnotisch-halluzinatorischen Vision bei, die einem kranken Fiebertraum entsprungen zu sein scheint und in ihrer surrealen Schönheit gleichzeitig fasziniert und abstößt. Obszöne Gewalttätigkeiten, Sextabus wie Nekrophilie und Hardcore-S&M, Folterrituale mit sadistischen Apparaturen, Fetischismus und ausgeklügelter Mord bilden den bizarren Inhalt von Carls Gedankenwelt, die fragmentweise bereits in den Videos von Schockrocker Marilyn Manson und NIN angedeutet wird und augenfällig auf die bizarren Bildwelten des Fotografen Joel Peter Witkin zurückzuführen ist. Ein ausgefallener Augentrip, der nicht nur einem weniger abgebrühten Publikum unweigerlich eine Gänsehaut machen wird. ara.
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