Ein Sohn kann sich nicht erklären, warum seinem Vater die Energie schwindet. Er macht sich vier Jahre vor dessen Tod mit der Kamera auf, beider Verhältnis zu überdenken. Aus dieser Vorgabe ist der bewegende und in seiner persönlichen Herangehensweise bemerkenswerte Privatdokumentarfilm von Christopher Buchholz entstanden, der Vater Horst Buchholz (1933 - 2003) "erforscht" und den Spuren in dessen Leben nachgeht. Die Mischung aus begleitenden Gesprächspassagen, Interviews, Fotos, Filmausschnitten und seltenen Home Movies bringt "Hotte", Liebling der Berliner, der sich nie wirklich gern so nennen ließ, in Rollen und Realität ("So schnell kommt ein guter Schauspieler nicht um.") nahe.
Anfang und Ende bildet die nach dem Tod leere und geräumte Wohnung des Vaters, die Christoph noch ein Mal aufsucht und von der die Erinnerungen an Gespräche und die einzige Umarmung ausgehen. Horst Buchholz war nach Unfällen in Kombination mit Alkohol schwach geworden, was der Sohn nicht verkraften kann: "Ich wollte, dass er ein geiler Typ bleibt." Immer wieder forscht die Kamera in minutenlangen Einstellungen im zerfurchten Gesicht des Vaters, der sich aufzugeben scheint, dann aber doch die Aura des aufsässigen Rebellen durchscheinen lässt, die seine Rollen wie "Die Halbstarken" prägte. Natürlich darf der "Felix Krull" nicht fehlen, auch "Nasser Asphalt" nicht, aus dem ein Dialog gewählt wurde, der die Vater-Sohn-Problematik widerspiegelt. Visuelles Leitmotiv ist Buchholz' Jagd nach dem Reh in seinem Debütfilm "Marianne" (1954). Zwei Mal ist der skeptische Arzt, der sich in Roberto Benignis "Das Leben ist schön" an Rätseln versucht, als Kommentar einmontiert.
Christopher Buchholz sucht Mutter Myriam Bru ("Er hatte Macht über alle Leute...Er war ein heiliges Ungeheuer, aber ein unwiderstehliches Ungeheuer.") und Schwester Beatrice auf und will mit aller Macht ergründen, warum der Vater Frauen und Männer liebte, die Bisexualität aber nicht zugibt. Da bricht er die Widerstandshaltung des Vaters nicht auf. Vielmehr verstärkt er dessen Schweigen noch und erntet ein Thomas-Mann-Wort: "Liebe die Welt, und die Welt wird dich lieben." Mit der wunderbaren Musik aus "Das Leben ist schön" und der leeren Wohnung endet der Film, der, obwohl der Sohn gescheitert ist, in Bezug auf den Vater umso faszinierender bleibt. ger.
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