Tilda Swinton überzeugt in dieser bewegenden Romanverfilmung als Mutter eines Massenmörders und stellt sich ohne Wenn und Aber der Schuldfrage.
Was geht in einem Jugendlichen vor, der Gleichaltrige bei einem Amoklauf sinnlos tötet? Was habe ich als Mutter falsch gemacht? Ist mein Kind ein Monster? Welche Verantwortung trage ich? Fragen, die sich Tilda Swinton als Eva Katchadourian täglich stellt. Für ihren Sohn Kevin hat sie Karriereambitionen aufgeben und ist mit ihrem Mann von New York in die Vorstadt gezogen, aber schon von Anfang an verhält sich das Schreikind auffällig, wehrt sich gegen Zärtlichkeit und Zuneigung, ein richtig böser Bube, der sein Zimmer verwüstet und die Eltern gegeneinander aufhetzt und manipuliert. Mit 16 Jahren richtet er ein Blutbad in der Schule an, nicht mit einer Pumpgun, sondern mit Pfeil und Bogen - wie einer, der wie selbstverständlich auf die Jagd geht und Wild niederstreckt. Während ihr Mann mit der Tochter einen Neuanfang fernab des Geschehen beginnt, bleibt sie vor Ort, erträgt Demütigungen, Aggressionen und Vorwürfe. Auch ihr neuer Job schützt nicht vor den schrecklichen Erinnerungen.
Nach neun Jahren Pause kehrt Lynne Ramsey ("Ratcatcher", "Morvern Callar") auf die Leinwand zurück und führt nicht nur ihre Protagonistin, sondern auch den Zuschauer durch die Hölle. Was als scheinbar übliches Sozialdrama beginnt, endet in einer Tragödie biblischen Ausmaßes. Oscar-Preisträgerin Swinton geht in ihrer Rigorosität der Darstellung als Mutter, die sich mit der Wahnsinnstat ihres Sohnes auseinandersetzen und Trauerarbeit leisten muss, an die Grenzen. Eine Performance, die ihr den Europäischen Filmpreis einbrachte. Mal wird sie auf der Straße geohrfeigt, ihr Haus und Auto mit roter Farbe beschmiert oder sie durchlebt das Grauen in Albträumen. Rückblenden zeichnen die Stationen der Familiengeschichte bis zur finalen Katastrophe auf, fordern Aufmerksamkeit. Der assoziative Schnitt (Joe Bini) spielt mit Gegensätzen - da geht die schwangere Eva einen Flur entlang umgeben von netten Mädchen in Ballettröckchen, im Gegenschnitt sieht man die leid gebeugte Mutter Jahre später schweren Schrittes auf dem Flur des Gefängnisses. In Ramseys expressiver Bildsprache dient die Farbe rot in allen Nuancen als Leitmotiv, schon in der ersten Einstellung dominieren rote zermatschte Tomaten über sich windenden Körpern in einer Traumsequenz, später findet sich die Farbe im Kleid wider und setzt über den Film hinweg immer wieder Akzente. "We have to talk about Kevin" ist eine psychische und physische Zumutung, ist hart und kompromisslos. Aber einfach grandios. mk.
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