Ein psychisch gestรถrter Teenie entwickelt in der kunstvollen Kreuzung aus Horrorgroteske und surrealer Satire perverse Phantasien.
Richard Bates Jr. weitet seinen gleichnamigen Kurzfilm von 2008 zu einem Coming-of-Age aus, das so ziemlich jedes Ekel-Tabu bricht, wenn eine psychisch schwer gestรถrte 18-Jรคhrige sich nekrophil-perversen Sexfantasien hingibt und ihren Traum, Chirurgin zu werden mit einer makabren Amateur-Operation in die Tat umsetzt. Das schockierend-schรถne Psychogramm eines geisteskranken Freaks bietet tiefschwarzen Humor, tragische Satire auf eine dysfunktionale Familie, Groteske mit surrealen Alptraumbildern ร la Tarsem Sings "The Cell" und eine Reihe Besetzungs-Coups:
Ex-Porno-Queen Traci Lords als gefรผhlskalte Mutter-Bitch, die ein bigottes Spieรer-Regime fรผhrt, "Hostel 2"-Folterer Roger Bart als Waschlappen-Papi im emotionalen Rรผckzug, Trash-Ikone John Waters ("Hairspray") als entsetzter Pfarrer, schlieรlich noch Ray Wise ("Twin Peaks") als Schulrektor und "Uhrwerk Orange"-Psycho Malcolm McDowell als Lehrkraft. Diese gegen den Strich aufgestellten Kultmimen kรถnnen der Protagonistin dennoch nicht die Show stehlen: AnnaLynne McCord, dieses "90210"-Model-Pรผppchen, beweist nicht nur Mut zur Hรคsslichkeit wie Charlize Theron in "Monster". Sie liefert mit Gusto eine denkwรผrdige Leistung ab als Pauline, einem anorektischen Pickelgestell mit totenblassem Teint, die andere mitunter buchstรคblich ankotzt. Eine reine Soziopathin, die es darauf anlegt, von allen gehasst zu werden, gleichzeitig aber schwer darunter leidet und sich nach ihrem Rausschmiss aus der Schule zu einem Selbstbeweis entschlieรt, der das Leben ihrer jรผngeren, lungenkranken (und von den Eltern verehrten) Schwester kosten wird.
Pauline erniedrigt und wird erniedrigt wie in einem Destillat aus Todd Solondz' Oeuvre. Dies krรถnt sie, indem sie einen Mitschรผler als Entjungferer missbraucht, was selbst Elfriede Jelinek nicht abstoรender hรคtte glossieren kรถnnen. Dazwischen driftet sie in eine Wahn-Welt, von der stilistisch fabelhaften Regie als berauschende Hochglanz-Visionen des Isenheimer Altars von Matthias Grรผnewald umgesetzt. Auch wenn es schwer fรคllt, fรผr die unsympathischen Figuren etwas zu empfinden, ist der Einblick in eine Kleinstadt- und High-School-Hรถlle frei nach "American Beauty" gleichsam bestรผrzend - und in einzigartiger Kombination mit morbiden Ekstasen mit Schock- als auch Kult-Potenzial gesegnet. Ein Fest fรผr Horrorfans und anspruchsvolle Cineasten gleichermaรen. tk.