David O. Russells erster Film seit seinem Comeback mit "The Fighter" vor zwei Jahren ist ein vom ersten bis letzten Moment wunderbarer Film, der bei seiner Weltpremiere in Toronto sein Publikum im Sturm eroberte - und es auch in den regulรคren Kinos tun wird. Und das mit einer Geschichte, die zunรคchst nur bedingt unterhaltsam und einladend erscheint, von einem von "Hangover"-Star Bradley Cooper mit groรer Zurรผckhaltung gespielten Mann mit mentalen Problemen und einem Hang zu gewaltsamen Ausbrรผchen erzรคhlt, der seinen Job, seine Frau, sein gewohntes Leben und seine Freiheit verloren hat, nachdem er seine Frau mit einem anderen Mann รผberrascht und ihren Liebhaber beinahe tot geprรผgelt hatte.
Den schmerzhaften Weg dieses gebrochenen Mannes zurรผck in die Normalitรคt thematisiert "The Silver Linings Playbook", von seiner Entlassung aus der Nervenheilanstalt, seinen ersten Schritten in Freiheit, seiner nicht immer erfolgreichen Entschlossenheit, eine positive Grundhaltung zu wahren, seiner manischen und auf den ersten Blick hoffnungslosen Obsession, wieder mit seiner Frau leben zu kรถnnen, obwohl es ihm eine einstweilige Verfรผgung verbietet, sich ihr auf 150 Metern zu nรคhern. Es kommt zu Konfrontationen, mit den Eltern, dem Psychiater, den ehemaligen Arbeitskollegen, dem besten Freund, dem Bruder, immer auf dem leisen Grat zwischen brutaler Ehrlichkeit und idiosynkratischem Humor balancierend. Dann lernt er die Schwester der Frau seines besten Freundes kennen, die ihrerseits ihren Ehemann verloren hat und eigene Geschichten รผber mentale Instabilitรคt erzรคhlen kann, gespielt von Jennifer Lawrence in einer Darstellung, die von ihrem "Hunger Games"-Auftritt weiter nicht entfernt sein kรถnnte und sie zur Oscar-Favoritin macht. Und auf einmal entwickelt sich der Film fast unmerklich zur schรถnsten und aufrichtigsten Liebesgeschichte, die das amerikanische Kino seit Jahren erzรคhlt hat.
Immer trifft Russell die richtige Entscheidung, immer wรคhlt er den unbequemen und unkonventionellen Weg. Selbst berรผhmt fรผr sein erratisches Verhalten und einen berรผchtigten Zusammenbruch wรคhrend der Dreharbeiten des bis heute unverรถffentlichten "Nailed", den er 2007 gefilmt hat, kann man sich des Gefรผhls nicht erwehren, dass Regisseur Russell bestens weiร, von was er mit unbรคndiger Energie und befreiendem Humor erzรคhlt. Ein Film รผber Liebe, Familie, Freundschaft, Solidaritรคt, Musik und American Football, in dem alle Darsteller des ausufernden Casts, allen voran Robert De Niro und Jackie Weaver als Eltern, auf der Hรถhe ihrer Kunst arbeiten. Wenn die Produktion der Weinstein Company ein Problem hat, dann ist es, dass es schwer fallen wird zu entscheiden, auf wen genau man bei einer Oscar-Kampagne bauen soll. Verdient hรคtten es alle.
ts.
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