Mit einem schaurigen Märchen über verstörende Familienbande gelingt "Oldboy"-Regisseur Park Chan-wook ein beeindruckendes US-Debüt.
Obwohl der Titel Assoziationen an den geistigen Vater Draculas weckt und Hauptfigur Onkel Charlie an Hitchcocks Thriller "Im Schatten des Zweifels" erinnert, ist "Stoker" grundsätzlich kein Film, der falsche Spuren legt. Überraschender als der Plot oder die Entwicklung zentraler Figuren ist Chan-wooks aufregende, sogartige Inszenierung sowie die konsequente Realisierung eines Werte-Vakuums, in dem das Gute vom Permanentdruck des Bösen hinausgepumpt wird. Im Mittelpunkt der Story steht der Reifeprozess einer 18-Jährigen, die auf unorthodoxe Weise ihren Platz im Leben findet, steht der Verlust von Unschuld, der erste sexuelle Erfahrungen jenseits jeglicher Norm zeigt.
India Stoker (Mia Wasikowska aus "Alice im Wunderland") hat durch einen Autounfall gerade ihren Vater und damit den einzigen emotionalen Bezugspunkt verloren. Gegenüber ihrer apathisch wirkenden Mutter (Nicole Kidman) verhält sich der verschlossene Teenager abweisend, ganz besonders, als nach der Beerdigung des Vaters dessen Bruder Charlie (Matthew Goode) auftaucht und mit seinem Charme die nicht übermäßig trauernde Witwe erobert. Warum Onkel Charlie in der Familie bisher ein Phantom war, warum Menschen nach seiner Ankunft verschwinden wie letzte moralische Grenzen bei vermeintlichen Sympathiefiguren, erfährt der Zuschauer schrittweise, aber ohne überkonstruierte dramaturgische Komplexitäten.
"Prison Break"-Star Wentworth Miller schrieb unter Pseudonym das Drehbuch, das 2010 mit "Argo" oder "Safe House" zu den besten unproduzierten Skripts zählte. Chan-wooks symbolstarke Verfilmung nimmt Millers dramatisch leicht überhitzten Plot zurück, bleibt trotz gezeigter Härte in der Inszenierung subtil, betört mit unwirklicher, bedrohlicher Atmosphäre und überzeugt mit beeindruckender Harmonie von Kameraarbeit, Schnitt und Musik. Alles ist durchdacht und visuell perfekt durchkomponiert bei "Stoker" - von der Einführung des Plotkatalysators Charlie als überragende Präsenz, die große Schatten wirft, über eine Spielplatzsequenz, in der Wasikowska allein durch die Wahl des Bildausschnitts Fliegen lernt, bis hin zu einem virtuosen Klavierduett, das gleichzeitig Verführung, sinnliche Erfahrung und Kampf um Dominanz ist. kob.
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