"Eunice Parchman tötete die Familie Coverdale, weil sie nicht lesen und schreiben konnte." Mit diesem Satz beginnt die englischsprachige Kriminalautorin Ruth Rendell ihren Psycho- Thriller "Urteil in Stein". Und schon ist klar: Das Spannungsmuster beruht nicht auf dem "Whodunit"-Effekt, sondern auf der psychologischen Motivation. Und genau diese analytische Einkreisung der Menschen und das emotionslose Sezieren ihrer intimsten Gefühle und Gedanken verbindet Rendell in kongenialer Weise mit Claude Chabrol. Mit handwerklicher Souveränität und zynisch-brillanter Geisteshaltung legt er einmal mehr anhand der faszinierenden Charakterdefekte seiner Protagonisten die komfortable Fäulnis der Gesellschaft bloß. Und das immer aus einer sehr ästhetischen Perspektive heraus, was selbst der inhumansten Grausamkeit noch einen Hauch Finesse verleiht. Mit leichter Hand transportiert Chabrol den Roman aus den sechziger Jahren in die Gegenwart und läßt ihn statt in England in Frankreich spielen. Aus der Familie Coverdale werden die Lelievers, und Eunice heißt nun Sophie. Sandrine Bonnaire spielt sie mit einer zurückhaltenden Intensität, einer Mischung aus Kälte, Trübsinn und latenter Aggression und definiert ihre Persönlichkeit ganz beiläufig mit Gesten, Blicken und wenigen Worten. Sie ist die "Perle des Hauses", ein adrettes Monster, das Schokolade liebt und für ihr Leben gern fernsieht. Der Kontrast zu ihrem Brötchengeber könnte kaum größer sein. Georges (Jean-Pierre Cassel), der Hausherr, ist gebildet, eloquent, generös und diskutiert am liebsten mit seiner ebenfalls sehr kultivierten Ehefrau Catherine (Jaqueline Bisset) und seinen Kindern Melinda (Virginie Ledoyen) und Gilles (Valentin Merlet) über Kunst, vornehmlich über Mozart-Opern. Doch bei aller Verschiedenheit hätten diese Menschen durchaus friedlich zusammenleben können, weil sie - wie zwei unvereinbare chemische Stoffe - zu keiner Reaktion miteinander fähig gewesen wären. Dazu war ein drittes Element vonnöten: Jeanne Marchal (Isabelle Huppert), Leiterin der Poststation. Zögerlich freundet sich Sophie mit ihr an. Und Jeanne, die vor Neid auf das Familienglück der Lelivieres fast platzt, benutzt Sophie, um ihr Haßobjekt dreist auszuspionieren. Chabrol widmet dieser Mesalliance viel Zeit und verschiebt so das dramatische Gewicht des Films immer mehr zu ungunsten der Familie, bis es schließlich an einem Abend zu der fatalen Konfrontation zwischen den beiden Parteien kommt. Permanente Demütigungen, angestaute Frustrationen und eine krankhafte Gewaltbereitschaft auf der einen Seite, arrogante Ahnungslosigkeit und das Gefühl, "etwas Besseres zu sein" auf der anderen Seite, entladen sich zeitlupenartig in einer blutigen Katastrophe. Schon lange hat Chabrol keinen Film mehr gemacht, der so nihilistisch und schockierend die Banalitäten des Alltags gegen seelische Abgründe aufrechnet. Ein faszinierender Psychothriller, der den französischen Meisterregisseur auf der Höhe seines Könnens zeigt. ull.
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