Nicht nur "Sex, Drugs & Rock'n'Roll" regierten in den wilden siebzigern Beverly Hills, im Schatten der Schönen und Reichen mußten sich auch die "kleinen Leute" durchbeißen. Wie sich die 15jährige Vivian (Natasha Lyonne) mit alleinerziehendem Vater und zwei Brüdern mit Überlebenstraining übt, das erzählt Tamara Jenkins in ihrem ersten langen Spielfilm als launige "coming of age-comedy".
Die 36jährige Drehbuchautorin und Regisseurin, die in Amerikas heißester Talentschmiede, dem berühmten "Director's Lab" in Sundance ihr Handwerk lernte, packt in diese bittersüße Story jede Menge autobiographische Elemente. Wie ihre Heldin gehört auch sie zu den "Scheidungsnomaden", die von der Ostküste ins sonnige Kalifornien ziehen, wo so manches leichter scheint. Aber nur auf den ersten Blick, denn es gibt zwar "mit Gold gepflasterte Straßen, nur sind die leider für andere reserviert", erinnert sich Guggenheim-Stipendiatin Tamara Jenkins. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachtet sie die Restfamilie der Abramovitz', so richtige Underdogs. Als die Mutter vor Jahren verschwand, übernahm Vater Murray Abramovitz (Alan Arkin) die Verantwortung für seine beiden Söhne und Tochter Vivian. Obgleich er als glückloser Autoverkäufer von der Hand in den Mund lebt, sorgt er sich um die Zukunft seiner Sprößlinge. Die sollen die besten Schulen besuchen, also muß man in der Gegend des Zip Codes 90210 im Promi-Viertel Beverly Hills wohnen. Auch wenn das Quartett dabei mit Blick auf Prachtvillen von einer billigen Absteige zur anderen vagabundieren muß. Nicht nur Herkunft und typische Pubertäts-Wehwehchen kratzen an Vivians Selbstbewußtsein. Wegen ihres enorm knospenden Busens kann sie sich vor Minderwertigkeitskomplexen kaum retten, außerdem löst der Nachbarsjunge erste Gefühlswallungen aus. Wie gut, daß die ältere Cousine (Marisa Tomei) Aufklärung in Sachen Sexualität gibt.
Mit viel Sympathie für die Unsicherheit ihrer Protagonisten zeichnet Tamara Jenkins die ersten sexuellen Erfahrungen eines jungen Mädchens, dosiert gekonnt feinen Humor und derbe Komik, verbindet authentisches siebziger Jahre-Feeling mit zeitlos jugendlicher Aufmüpfigkeit, auch wenn es an wirklicher Provokation fehlt. Gleichzeitig gelingt ihr das erfrischend lebendige Porträt einer sozial gebeutelten Familie, die sich geschickt durchs Leben laviert. Ihren Durchbruch kann das Energiebündel Natasha Lyonne feiern, die schon in Woody Allens "Alle sagen: I love you" ihre Begabung bewies und in den "Slums" durch ihre mitreißende Mischung aus Naivität, Spontaneität, Zynismus und wilder Natürlichkeit überzeugt. Sie könnte dafür sorgen, daß dieser kleine und sperrige L.A. Film seine Bewährungsprobe an der Kinokasse besteht. mk.