Es ist sicher kein Zufall, dass Julio Medem in seinem vierten Spielfilm das Thema Zufall romantisch, poetisch und auf grandiose Weise ausreizt. Schon in seinen früheren Filmen "Vacas - Kühe" und besonders in "Das rote Eichhörnchen" hat er sein intelligentes und spannendes Spiel mit dem Was-wäre-wenn und verblüffenden Wendungen der Handlung getrieben. Jetzt sprengt die Macht der Gefühle Zeit und Raum und schafft magisches Kino für ein sicher großes Arthouse-Publikum.
Am Anfang ist das Spiegelbild in den leuchtenden Augen von Ana (Najwa Nimri), wenn sich Otto (Fele Martinez) darin reflektiert. So beginnt Julio Medem seine zärtliche und suggestive Bilderfolge, die am Schluss wieder in diese Großaufnahme mündet. Als achtjährige Schulkinder begegnen sich Ana und Otto zum ersten Mal - sie sind 25, wenn nach mehreren Trennungen, mehreren Wiederbegegnungen, Zeiten der Liebe und des Auseinandergehens, Entscheidungen für verschiedene Orte, schließlich in Finnlands Norden ihre Augen ineinandertauchen. Blicke sind die wahren Erzähler in Medems Film, der in vielen einzelnen Kapiteln mal aus der Sicht Anas, mal Ottos den Fortgang der Handlung sichtbar macht. So fügt sich das Puzzle Stück für Stück sehr emotional, aber auch sehr cool und kaum chronologisch zusammen, werden die Charaktere von Ana und Otto lebendig, bekommt der Film eine intensive Spannung, die oft Momente eines subtilen Thrillers hat. Und immer wieder sind es Zufälle, die die beiden zusammenbringen - so wie beim ersten Mal nach dem Schulunterricht, als Otto einem Ball nachläuft und Ana ihrer Mutter davonrennt. Ana hat gerade ihren Vater verloren. Ottos Vater verlässt die Mutter. Ihm, für den Liebe wie eine Ware mit Verfallsdatum ist, setzt Otto seine Auffassung von absoluter Liebe entgegen, die er für Ana empfindet, mit ihr erfährt. Und Ana ist auf andere, tatkräftigere Weise romantisch - auch sie erkennt die Kraft der Zufälle, die die Liebenden in der Zirkelbewegung des Kreises zusammen- und auseinanderbringt, und möchte dieser vitalen Magie am liebsten nachhelfen. Regisseur und Drehbuchautor Medem geht souverän mit dem Hin und Her der verschiedenen Erzählwelten um, ohne dass auch nur eine Sekunde lang knarzender Formalismus aufkäme. Wenn aus Ottos Vater und Anas Mutter ein Paar wird, Otto und Ana also Stiefgeschwister werden, ist dies keine Verirrung in Trivialschnulzen-Problematik, sondern nur ein augenzwinkernder Schachzug im Spiel mit Schicksal und Zufall in der Quadratur des Kreises. Eine Zeit lang gehen Ana und Otto getrennte Wege, bis sie, die inzwischen Lehrerin ist, und er, der Kurierpilot geworden ist, in Rovaniemi den Kreis ihrer Liebe schließen. Ana und Otto - ihre Namen sind Palindrome, sie lesen sich von vorne wie von hinten gleich. Das ewige Rund des Kreises, das hat Julio Medem nahezu genialisch erkannt, lässt der Erzählung Raum für Geheimnisse, den Gefühlen Momente des Unerklärbaren. Das macht seine Liebesgeschichte vielleicht gerade dadurch so spannend und bei aller Dramatik ungewöhnlich melancholisch leicht - wie der finnisch ganz schwerelos gesungene Tango zu den letzten Bildern des Films. fh.