Mitreiรendes Biopic รผber den exaltierten amerikanischen Entertainer Liberace und seine mehrjรคhrige Beziehung zu seinem jugendlichen Liebhaber Scott Thorson.
Nun ist das Fernsehen nicht mehr nur einfach das bessere Kino, wie es seit dem Eroberungszug amerikanischer Serien gerne (und nicht unbedingt zu unrecht) heiรt. Jetzt macht das Fernsehen auch noch das bessere Kino. Weil sich Steven Soderbergh mit seinem geplanten Filmprojekt รผber die letzten Jahre im Leben des Las-Vegas-Entertainers und Paradiesvogels Liberace (1919 - 1987) รผber Jahre hinweg bei den gรคngigen Produzenten und Studios die Zรคhne ausbiss, konnte er fรผr "Behind the Candelabra" schlieรlich den US-Kabelsender HBO fรผr die Finanzierung gewinnen: Dort hatte man keine Angst, 20 Mio. Dollar kรถnnten schlecht angelegtes Geld sein fรผr einen Film รผber die mehrjรคhrige Liebesbeziehung von Liberace mit seinem mehr als 30 Jahre jรผngeren Lover Scott Thorson.
Soderberghs Film, der auรerhalb der USA regulรคr im Kino ausgewertet wird, ist ein Triumph fรผr alle Beteiligten, der nicht eine Sekunde nach Fernsehen aussieht und auch dann wohl nicht sorgfรคltiger und kinogerechter hergestellt worden wรคre, wenn das Geld von einem Kinoproduzenten gekommen wรคre. Vor allem Michael Douglas und auch Matt Damon begeistern in den Hauptrollen als Liberace respektive Thorson: Ihnen gelingt es, den grotesk รผbersteigerten Aspekten ihrer Figuren durchaus etwas Liebenswertes und Humorvolles abzugewinnen, ohne sie vom Exzess erdrรผcken zu lassen. Beide Mรคnner sind in diesem Film nachvollziehbare Menschen aus Fleisch und Blut, wenngleich auch gehรผllt in Polyester, Hermelin und soviel Swarowski, dass die komplette Strass-Industrie รsterreichs gut davon leben kann.
Liberaces Hรคnde schmรผcken wenigstens sechs Bling Rings, รผberdimensionierte Riesenklunker, die ihn jedoch nicht am Klavierspiel hindern. In der Konzertszene zu Beginn des Films, in der das unbedarfte Landei Thorson den umjubelten Lee - wie Liberace von seinen Freunden genannt wird - erstmals auf der Bรผhne sieht, sagt Amerikas Antwort auf Ludwig II., ganz alter Showhase, zum Publikum: "Ich werde oft gefragt, wie ich mit so vielen Ringen an den Fingern Klavier spielen kann. Meine Antwort ist ganz einfach: Sehr gut, vielen Dank." Als der Star den damals 20-jรคhrigen Scott hinter der Bรผhne trifft, ist es zwar nicht Liebe, aber doch Lust auf den ersten Blick. Auftakt fรผr Szenen einer Ehe, in denen Liberaces vormaliger Liebhaber, einer in einer Ahnenreihe von vielen, wie man spรคter erfรคhrt, abserviert und Scott als Assistent und Chauffeur des Maestros implementiert wird, in denen hรคuslicher Alltag von Schรถnheitsoperationen durch den hรถchst zweifelhaften Dr. Startz (unfassbarer Auftritt von Rob Lowe, der als Mischung aus Reptil und Totenmaske Michael Jackson verblรผffend รคhnlich sieht), daraus resultierende Pillen- und Drogensucht Scotts, Absturz, Streit und Trennung durchbrochen werden.
Alldieweil und ohne jemals die Leichtigkeit in dem zunehmend bitterer werdenden Film zu verlieren, behรคlt das kluge Drehbuch von Richard LaGravenese immer die politische Dimension der Geschichte im Blick: Dass ausgerechnet der Mann, der eindeutig รคuรert, Stars sollten mit ihren politischen Ansichten hinterm Berg halten und einfach nur unterhalten, selbst am meisten davon profitiert hรคtte, sein Leben zum Politikum zu machen, weil er seine Neigungen, die er hinter dem Kerzenstรคnder frei auslebte, vor der รffentlichkeit immer verbergen musste, macht ihn zur tragischen Figur und "Behind the Candelabra" zu einem kleinen Meisterwerk in Soderberghs Karriere. Der Kreis schlieรt sich: Mit seinem Debรผt "Sex, Lรผgen und Video" hatte er seine Laufbahn begonnen und dem modernen US-Independentkino den entscheidenden Anstoร gegeben. Jetzt zieht Soderbergh in Cannes den Stรถpsel und beendet in gewisser Weise auch das moderne Independentkino, wie wir es in den vergangenen 25 Jahren kennen und lieben gelernt haben. Zeit fรผr ein neues Kapitel. ts.