Altmeister Bernardo Bertolucci setzt sich in diesem unspektakulären Kammerspiel zärtlich und kritisch mit den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens auseinander.
Kein missbrauchter Apfelkuchen wie in "American Pie", auch kein tabuloser Sex wie in "Ken Park" oder wilde Rammelei wie in vielen Teenagerfilmen, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit pubertärer Unsicherheit und Identitätsfindung, Isolation und Dickköpfigkeit in diesem Alter. Darum geht es in Bernardo Bertoluccis von Zärtlichkeit geprägter Betrachtung eines Jungen aus gutem Hause.
Lorenzo zofft sich gerne mit der fürsorglichen Mutter und ist bei den Mitschülern nicht unbedingt beliebt. Statt in den Skikurs begibt er sich in den Keller des Mietshauses, zwischen Sperrmüll, Ameisenkolonie im Glaskasten und reichlich Lebensmittel will er es sich für eine Woche gemütlich machen, seine Musik hören und Bücher lesen. Daraus wird nichts. Plötzlich taucht seine drogensüchtige ältere Halbschwester auf, die er kaum kennt. Die stellt ihn vor die Wahl: Entweder darf sie bleiben oder sie verpetzt ihn. Bertolucci, der glaubte, im Rollstuhl sei seine Zeit als Filmemacher vorbei, drehte nach 30 Jahren erstmals wieder auf italienisch und erzählt eine sehr persönliche Geschichte über die Sehnsüchte, Enttäuschungen, Kämpfe und Träume zweier junger Menschen, beschäftigt sich mit ihren Emotionen, allerdings ohne die wilde Kraft und Intensität von "Die Träumer" im Pariser Frühling des Jahres 1968. Hier schottet sich ein nicht gerade sympathischer 14jähriger von der Umwelt ab, flüchtet sich in Poesie und Fantasie, selbst wenn er am Handy seiner Mutter aus den Ski-Ferien vorlügt und ihr von einem gefrorenen Wasserfall erzählt, "als sei die Zeit eingefroren", eine Allegorie auf den Stillstand in seinem Leben, vielleicht auch in Italien. Nicht umsonst fühlt sich der picklige Jüngling in den Überbleibseln einer vergangenen Zeit wohl, darunter eine Mussolinibüste und eine Soldatenuniform.
Es passiert wenig, während sich die Halbgeschwister annähern. Die Kamera wandert in Nahaufnahme über Haare, Mund oder das ganze Gesicht, fängt minimale Gefühlsverlagerungen und versteckte Erotik ein. Die beiden unbekannten Schauspieler Jacopo Olmo Antinori und Tea Falco kaschieren in ihren Rollen ihre Verwundbarkeit hinter einer coolen Fassade. Wenn David Bowie aus "Space Oddity" auf englisch und italienisch "Ground Control to Major Tom" singt und die Geschwister tanzen, liegt Magie in der Luft und das Versprechen auf Befreiung von inneren Fesseln. mk.
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