Asketisch und emotional authentisch zeichnet die jรผngste Verfilmung von Charlotte Brontรซs Klassiker den Weg ihrer berรผhmten Heldin nach.
Verachtet, gefรผrchtet, gequรคlt und schlieรlich geliebt: Generationen haben Jane Eyres Entwicklung, die hinsichtlich Ehrlichkeit und Selbstachtung eigentlich immer eine Konsolidierung war, auch im Kino begleitet. Mit der Protagonistin, ihrem Rรผckgrat, ihrer Sehnsucht nach Liebe und einem Leben, das nicht vom Horizont eingegrenzt wird, kann man sich heute noch identifizieren, wobei der Jugend wohl auch diese Adaption so exotisch wie ein Marsbesuch vorkommen wird. "Jane Eyre" ist also ein Genussmittel fรผr Erwachsene, geschliffen im Wort, dรผster und streng in den Bildern.
Die Dramaturgie entfernt sich nicht nur in der Erzรคhlperspektive von der Vorlage, folgt dem in Erinnerungen abdriftenden Bewusstsein Janes und beginnt mit dem Tiefpunkt ihres Lebens, der Flucht aus Schloss Thornfield in die winterlich-lebensfeindliche Natur Yorkshires. Aufgenommen von einem Pfarrer und seinen Schwestern, ihrer neuen Familie, blickt sie auf die eigene zurรผck. Ihre Leidenszeit bei Tante, Cousins und im Internat verkรผrzt der Film auf das Nรถtigste - sie selbst wird das noch radikaler tun, wenn sie ihre erste Stellung als Erzieherin antritt und Rochester, dem mรผrrisch-launischen Schlossherrn, ihre schlimmsten Erfahrungen verschweigt. Weil auch er das tut, beginnt hier die Geschichte einer Seelenverwandtschaft und einer Liebe, die nicht von der Gesellschaft, nur von Rochesters groรem Geheimnis sabotiert wird. Denn die Lรผge, das arbeitet Moira Buffinis Drehbuch gut heraus, ist fรผr die furchtlos direkte Jane eine unverzeihliche Charakterschwรคche.
Alle Szenen zwischen Jane und Rochester knistern vor Spannung, die in reduzierter Form auch Elemente des Schauerromans, unheimliche Erscheinungen und Gerรคusche, erzeugen. Im Unterschied zu "Sin Nombre", dem starken Debรผt von Regisseur Cary Fukunaga, ist "Jane Eyre" ein Film der Langsamkeit, fast des Stillstands, der, weitgehend in natรผrliches Licht gesetzt, in Ausstattung und Emotionen noch reduzierter und intimer als frรผhere Verfilmungen wirkt. Michael Fassbender ("X-Men: Erste Entscheidung") ist รผberzeugend als Rochester, Mia Wasikowska ("Alice im Wunderland") aber nicht nur die jรผngste, sondern auch bisher beste Jane im Kino. Ihre Mimik, das Timing ihrer Trรคnen, ihr Sprachduktus sind ein Highlight - und fรผr eine bestimmte Klientel wird es der Film auch sein.
kob.