Der Star ist die Mannschaft: Matti Geschonneck und Oliver Berben rekonstruieren mit exzellenter Besetzung einen deutschen Mikrokosmos der Nachkriegszeit.
Matti Geschonneck und Magnus Vattrodt erzählen mit dem von Oliver Berben initiierten Drama "Das Zeugenhaus" eine Geschichte, die mitunter derart kafkaesk ist, dass sie fast unglaubwürdig wirkt: Während der Nürnberger Prozesse gegen die Nazi-Verbrecher sind Täter und Opfer unter einem Dach untergebracht worden. Was aus heutiger Sicht wie eine Zumutung anmutet, ist die Basis eines vorzüglich besetzten und gespielten Films, denn selbstredend lebt die Handlung vom Bemühen der Beteiligten, miteinander auszukommen. Die Spannung entsteht aus dem gegenseitigen Belauern, weil die von Gräfin Belavar (Iris Berben) betreuten Gäste zunächst nicht wissen, mit wem sie es zu tun haben. Die allgemeine Zurückhaltung aller Anwesenden, was die unmittelbare Vergangenheit angeht, kommt selbstredend jenen entgegen, die sich von ihrer schmutzigen Vergangenheit reinwaschen wollen. Das Schweigen führt aber auch zu dem absurden Missverständnis, dass ein KZ-Häftling für einen Lagerkommandanten gehalten wird. Die Handlung, deren Mitwirkende ausnahmslos authentisch sind, spielt sich weitgehend in dem Domizil ab, in dem die Amerikaner diesen Mikrokosmos des Nachkriegsdeutschlands aus Tätern, Opfern und Mitläufern untergebracht haben. "Das Zeugenhaus" ist über weite Strecken ein klassischer Ensemblefilm; die Nähe zum Theater wird noch durch Vattrodts sorgsam formulierte Dialoge verstärkt. Gerade in dieser Kammerspielhaftigkeit liegt jedoch die große Stärke des Werks; nicht umsonst gilt Geschonneck als Regisseur, dem seine Darsteller ihre besten Arbeiten zu verdanken haben. Die Zusammenstellung ist allerdings auch herausragend. Trotzdem ist der Star gewissermaßen die Mannschaft: Selbst, wenn man wollte oder sollte, es wäre kaum möglich, eine der Leistungen herauszuheben. Matthias Brandt, Edgar Selge, Udo Samel, Tobias Moretti, Matthias Matschke: alle preiswürdig. Am ehesten entsprechen noch die weiblichen Mitbewohner (unter anderem auch Gisela Schneeberger und Rosalie Thomass) den Erwartungen, weil ihre Rollen weniger undurchschaubar sind, schauspielerische Glanzlichter setzten aber auch sie. Den männlichen Figuren ist dagegen eine gewisse Abgründigkeit gemeinsam, denn alle hüten ein Geheimnis; die einen als Täter, die anderen als Opfer. Dass man lange nicht weiß, wer zu welcher Gruppe gehört, macht einen großen Reiz des Films aus; das Drehbuch rückt erst nach und nach mit der Wahrheit raus. Dass nicht alle Identitäten aufgedeckt werden, gehört zum grimmigen subtilen Humor dieses an Überraschungen wahrlich nicht armen Werks. tpg.
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