In seinem unspektakulรคren Thriller um die "West Memphis Three" rollt Atom Egoyan die Geschichte des tragischen Justizirrtums als Gesellschaftsportrรคt auf.
In der kleinen, tiefreligiรถsen Gemeinde West Memphis, Arkansas, werden 1993 drei Jungen brutal umgebracht. Schnell sind die vermeintlichen Tรคter gefasst: Drei Jugendliche, die angeblich einem Satanskult angehรถren. Den "West Memphis Three" wird der Prozess gemacht. Jessie Misskelley Jr. und Jason Baldwin werden zu lebenslanger Haft, Damien Echols wird als Drahtzieher zum Tode verurteilt.
1996 lenkte die Emmy-prรคmierte, dreiteilige HBO-Dokumentarserie "Das verlorene Paradies: Die Kindermorde in Robin Hood Hills" die Aufmerksamkeit auf den Fall. Die Medien recherchierten nach, die รffentlichkeit erfuhr wie nachlรคssig ermittelt worden war. Showbusiness-Prominenz setzte sich fรผr die Freilassung des Trios ein, die Morde wurden neu untersucht. In den folgenden Jahren konnten Beweise gesichert werden, die auf einen anderen Tรคter hinweisen: Terry Hobbs, Stiefvater eines der Opfer.
Nun hat sich der kanadische Regisseur Atom Egoyan ("Das sรผรe Jenseits") der aufwรผhlenden Geschichte in Spielfilmform angenommen und sie unter dem Titel "Devil's Knot" als entschleunigten, wohltuend unspektakulรคren Thriller adaptiert. Blut und Gewalt spart er weitestgehend aus, interessiert sich eher fรผr Land und Leute. Wie ticken die einfachen Menschen im ruralen Bibelgรผrtel, was treibt sie, was passiert hinter den abblรคtternden Fassaden ihrer Holzhรคuser, wie konnte es zu dem Verbrechen kommen?
Nicht die Tรคtersuche steht im Zentrum des Films - der aktuelle Faktenstand wird vor dem Abspann mittels knapper Texte geliefert -, sondern die betroffene Kleinstadt samt ihrer Bewohner. Unter ihnen die wie immer รผberzeugende Reese Witherspoon, als White-Trash-Mutter eines der getรถteten Buben, die bald Zweifel am Urteil hegt, oder der schweigsame, unter seiner Scheidung leidende Colin Firth als Besitzer einer florierenden Detektei, dem geraten wird, sich nicht in den Fall einzumischen.
Egoyan zieht sich auf den Posten eines Beobachters zurรผck, wertet nicht, zeigt nur. hemdsรคrmelige Hinterwรคldler, die Blut mit Blut vergelten wollen, eine hilflose, รผberforderte Polizei, nicht oder falsch ausgewertete Indizien, ein geifernder Pastor, ein Richter, der Recht beugt. Blicke, Gesten, Orte, Sprachfetzen, wenig Worte - und immer wieder ist die Straรe im Bild, die die Jungs zuletzt hinunter radelten. An deren Ende steht ein Stoppschild, das den Eingang zum Wald, Ort des Verbrechens markiert. Dann der Wald selbst, der etwas Mรคrchenhaftes und auch Teuflisches ausstrahlt. Ein Film nah am Leben, ein Americana, das viel vom derzeitigen Zustand der USA verrรคt. geh.