Brillante Filmbiographie über die 20 letzten Jahre im Leben des britischen Malers J.M.W. Turner - die zweite Künstlerbio in der Karriere von Mike Leigh.
Vier Jahre nach seinem letzten Besuch in Cannes mit seinem wunderbaren "Another Year " ebenfalls relativ zu Beginn des Festivals - wie auch sein Goldene-Palme-Gewinner "Geheimnisse & Lügen" im Jahr 1996, in dem "Mr. Turner"-Star Timothy Spall auch die Hauptrolle spielte - und hohe Wellen geschlagen hatte, kehrt Mike Leigh in den Wettbewerb nach Cannes zurück. Natürlich ist "Mr. Turner" nicht im Entferntesten mit diesem warmherzigen und hochemotionalen Porträt einer Liebe im Herbst des Lebens zu vergleichen. Vielmehr reiht sich der zweieinhalb Stunden lange Film zu Leighs anderer Filmbiographie über prägende britische Künstler, "Topsy Turvy - Auf den Kopf gestellt" aus dem Jahr 1999 über die berühmten Songschreiber Gilbert und Sullivan. Hier geht es um den prägenden Landschaftsmaler J.W.M. Turner, der von 1775 bis 1851 lebte und dessen im Alter zunehmend eigenwilligere Arbeit als wichtiger Einfluss für die Impressionisten gilt.
Der Film konzentriert sich auf die letzten 20 Lebensjahre des ebenso exzentrischen wie arbeitswütigen Künstlers und deckt alle wichtigen Eckpunkte seiner Biographie ab: seine ungewöhnlich enge Verbindung zu seinem Vater, der als Assistent für den Sohn arbeitete und dessen Tod Turner in eine tiefe Depression stürzte; seine bizarre Beziehung zu seiner bis zur Selbstaufgabe unterwürfigen Haushälterin, die ihm treu ergeben war und sich auch sexuell ausnutzen ließ; seine geheime Liebe in einer Art Doppelleben zu einer zweifachen Witwe, mit der er bis zu seinem Tod lebte; seine vielen Reisen, die ihm als konstante Inspiration dienten; seine Verzicht auf ein Vermögen, weil er sein Werk lieber umsonst dem britischen Volk vererben wollte. Und natürlich kommt auch das wachsende Unverständnis der Öffentlichkeit mit der zunehmend abstrakteren Kunst dieses faszinierenden Mannes zu tragen, das Los vieler Künstler, die nicht anders können, als einfach ihren Weg zu gehen: Im Fall von Turner bedeutet das unter anderem eine fast schon krankhafte Fixierung auf die Farbe Gelb - eine künstlerische Gelb-Sucht sozusagen.
Ebenso natürlich steht die alles überragende Darstellung von Timothy Spall im Mittelpunkt, der Turner als menschenscheuen und zurückgezogenen Eigenbrötler zeichnet, der sich zwar nur in diversen Grunzlauten mitteilt, aber immer ein waches Auge für seine Umwelt hatte. Nicht, dass dieser widersprüchliche Mann entschlüsselt wäre, aber gerade weil Leigh und Spall keine einfachen Antworten bereit halten, ist der Film so effektiv. Sie behaupten nicht, ihn zu verstehen. Und das ist gut so.
Die sorgfältige, getragene Erzählung ist es, die "Mr. Turner" ausmacht, nicht seine zweifellos vorhandene historische Genauigkeit. In genau austarierten, oftmals nur mit Kerzenlicht ausgeleuchteten Tableaus, die an die Gemälde Turners erinnern, breitet Mike Leigh die Geschichte aus, die das Leben eines Visionärs fokussiert, aber auch eine Liebeserklärung ans Licht ist, seine unendlichen Möglichkeiten und mannigfaltigen Erscheinungsformen. "Die Sonne ist Gott", sollen die letzten Worte des Mannes gewesen sein, der sich einmal in einem Schneesturm an den Mast eines Schiffs binden ließ, um die Konsistenz von Schneeflocken zu erforschen. Genauso wie der Künstler ist der Film ein halsstarriger, unnachgiebiger geworden, der durchgehend fasziniert, aber auf emotionale Einbindung weitgehend verzichtet. ts.
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