Einen Lebenstraum erfรผllte sich die Berliner Produzenten-Legende Artur Brauner mit der Realisierung von "Babij Jar - Das vergessene Verbrechen", dem schmerzhaft nahe an der Wahrheit inszenierten Drama um die systematische Ermordung von mehr als 30.000 Juden in einer Schlucht bei Kiew im September 1941. Brauner, der bei dieser Grรคueltat selbst zwรถlf Familienangehรถrige verlor, รผbertrug die Regie Jeff Kanew. Der US-Amerikaner, wie Brauner jรผdischer Abstammung, erzรคhlt dieses dรผstere Kapitel NS-Geschichte anhand des Schicksals zweier Familien, von denen eine in "Groรmรผtterchens Schlucht" - so die รbersetzung von Babij Jar - ausgerottet wird. Die in bedrรผckenden Schwarz-Weiร-Bildern festgehaltene und mit Wochenschau-Material unterschnittene Weltkriegs-Tragรถdie weist auf technischer Ebene erhebliche Mรคngel auf, was auf Budget-Probleme zurรผckzufรผhren ist. Dies wird jedoch von herausragenden Darsteller-Leistungen zumindest teilweise kompensiert.
รhnlich wie Roman Polanski, der zuletzt mit "Der Pianist" kรผnstlerisch wie kommerziell hรถchst erfolgreich seine Kindheit im Warschauer Ghetto aufarbeitete, zรคhlt auch Artur Brauner zu den noch lebenden Zeitzeugen des Holocaust. "Babji Jar" fรผgt sich nahtlos in die Reihe jener Filme รผber den Nationalsozialismus ein, die der inzwischen 84-jรคhrige Produzent realisiert hat. Dazu zรคhlen international hoch geachtete und preisgekrรถnte Produktionen wie "Die weiรe Rose", "Hitlerjunge Salomon" oder "Bittere Ernte".
"Babij Jar" ist nun wohl sein persรถnlichster, kompromisslosester und dadurch vielleicht auch angreifbarster Film zum Thema geworden. Das um grรถรtmรถgliche Authentizitรคt bemรผhte Drama beginnt mit Archivaufnahmen Hitlers in dessen bevorzugten Posen, leitet dann รผber in die vermeintliche Idylle eines lรคndlichen Vororts von Kiew. Dort wird der Betrachter bereits mit den Vorboten des Grauens konfrontiert, als einer der Protagonisten in einem Fluss von dahintreibenden Leichen fรถrmlich umzingelt wird.
Die wesentliche Geschichte spielt sich indes in einer Art Doppelhaus ab. Die eine Hรคlfte wird von der ukrainischen Familie Onufrienko, die andere von den jรผdischen Lerners bewohnt. Beide sind seit รผber 20 Jahren miteinander befreundet. Als die Deutschen nรคher rรผcken und erste Anzeichen auf die Vertreibung, respektive Vernichtung, der Juden hindeuten, wittert Lena Onufrienko ("Good Bye Lenin!"-Mutter Katrin Saร, unsagbar bรถse) ihre Chance. Um der Tochter, die kurz vor der Hochzeit steht, ein Heim zu schaffen, zeigt sie mit einem Mal ihr wahres, antisemitisches Gesicht und denunziert die Nachbarn um das naive Familienoberhaupt Genadij (Michael Degen). Wรคhrend die Lerners auf ihrer Flucht in den Osten von einer SS-Patrouille gestellt werden, wird Lena ebenfalls - wegen grober Irrefรผhrung - verhaftet und nach Babij Jar gebracht. Dort wartet schon Oberst Blobel (satanisch wie Ralph Fiennes in "Schindlers Liste": Axel Milberg), jener - in einer Parallelhandlung bereits eingefรผhrte - an Leberzirrhose leidende Alkoholiker und Hauptverantwortliche am Massaker von Babij Jar, der, wie im Abspann zu erfahren ist, spรคter bei den Nรผrnberger Prozessen zum Tode verurteilt wurde.
Jeff Kanew, der zuletzt einige Folgen der Kultserie "Ally McBeal" inszenierte und auf Empfehlung von Kirk Douglas - vor seinem Schlaganfall noch fรผr Michael Degens Rolle vorgesehen - die Regie รผbernahm, versteht es, Spannung aufzubauen und eine Geschichte stringent zu erzรคhlen. Allerdings finden die beeindruckenden Schwarz-Weiร-Bilder selten Bindung zum eingestreuten, qualitativ mangelhaften Wochenschau-Material, und auf der Tonspur sind atmosphรคrische Gerรคusche wie Fluglรคrm oder MG-Salven kaum oder viel zu leise zu hรถren. Des Weiteren wurden beim Schnitt, den Kanew gemeinsam mit Brauner (unter dessen Pseudonym Art Bernd) besorgte, immer wieder Nahaufnahmen von Krรคhen eingefรผgt, die das drohende Unheil unnรถtig verstรคrken. In der letzten knappen halben Stunde wird das Gemetzel an den 33.731 Juden von Babij Jar - die genaue Zahl weiร man, weil sie zuvor penibel registriert worden waren - in solch extremer Deutlichkeit gezeigt, dass es schwer fรคllt, den Blick nicht von der Leinwand abzuwenden.
Ein Groรteil der technischen Unzulรคnglichkeiten dieses wichtigen Werks ist fraglos auf ein zu niedriges Budget zurรผckzufรผhren, bedingt auch durch die Filmfรถrderungsanstalt, die das Projekt mehrmals ablehnte, wie im Abspann zu lesen ist. Die Kรคmpfernatur Brauner hat sich zu Recht davon ebenso wenig beirren lassen wie von Morddrohungen, in deren Zusammenhang er der Grรคuelpropaganda bezichtigt wurde. Und auch auf der Verleihschiene erweist sich der letzte groรe deutsche Filmproduzent alter Schule als Fighter. Er bringt "Babij Jar" mit seiner eigenen Firma CCC Filmkunst in die Kinos. Der auf der Berlinale 2003 uraufgefรผhrte Film รผber eines der schรคndlichsten NS-Verbrechen wird wohl vor allem auf internationalen Festivals, in Sondervorfรผhrungen und ausgewรคhlten Programmkinos gewรผrdigt werden. lasso.